Die schwere Last der Vergangenheit muß noch abgetragen werden

Von Gunter Hofmann

Prag, im März

Jedesmal, wenn Caspar Hilzinger nach Prag kam, "spürte er deutlicher als in anderen europäischen Hauptstädten, daß er sich an einer Schnittlinie europäischer Tragik befand ... Die Tschechoslowakei, ein Bündel innerer Gegensätze, von außen her von allen getreten. Das formt ein Volk. Das Ergebnis ist komplex wie die Ereignisse, die dieses Jahrhundert geprägt haben."

So beginnt der Rückblick eines Diplomaten, der den ersten deutsch-tschechoslowakischen Vertrag aus dem Jahr 1973 ausgehandelt hat. In seinen Memoiren nennt er sich Caspar Hilzinger. Sein Name ist Paul Frank. Inzwischen ist der zweite deutsch-tschechoslowakische Vertrag von Václav Havel und Helmut Kohl unterzeichnet worden. Die Parlamente in Bonn und Prag müssen ihn allerdings noch ratifizieren. Mindestens auf Prager Seite ist das Schicksal des Vertrages nicht mehr hundertprozentig gewiß, da sich die Ratifizierung bis zu einem Termin nach den Wahlen im Juni verzögern könnte.

Paul Frank alias Caspar Hilzinger glaubte 1973, es sei gelungen, das "Gespenst von München", das zwischen beiden Seiten stehe, endgültig zu bannen. Mit dem Münchner Abkommen von 1938 waren die Sudetengebiete unter Druck an das Deutsche Reich abgetreten worden. Prag leitete bei den Verhandlungen zum ersten wie zum zweiten Vertrag, der die "gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit" dauerhaft regeln möchte, daraus ab, das Abkommen sei von Anfang an (ex tunc) und nicht erst im nachhinein (ex nunc) nichtig. Der Vertrag, den der Kanzler und der Präsident im Spanischen Saal der Burg feierlich unterzeichnet haben, ist an dieser Stelle keinen Millimeter weitergekommen.

Vor nunmehr bald zwanzig Jahren war es Paul Frank um eine Formulierung zum Münchner Abkommen gegangen, wonach "das Ohr des Politikers Befriedigung empfinden und der Verstand des Juristen beruhigt sein" konnte. Das Ergebnis: Das Münchner Abkommen wurde für "nichtig nach Maßgabe dieses Vertrages" erklärt.

Paul Frank irrte allerdings in der Annahme, das Gespenst sei damit gebannt. Seit Václav Havel und Richard von Weizsäcker im März 1990 im Gespräch den Gedanken an diesen Freundschaftsvertrag entwickelten, wird erneut um diese Formulierung gestritten, mit der beide Vertragspartner auf 1938 Bezug nehmen könnten. Damals fürchtete Frank, Prag habe eine juristische Formel für seine möglicherweise immensen Schadenersatzforderungen gesucht, um so den Überfall auf die Tschechoslowakei (1939) und die Abtrennung der Sudetengebiete sühnen zu lassen.

Inzwischen aber sind es nicht mehr die Reparationsforderungen, die Bonn schrecken. Prag trumpft nicht auf und ist an Hilfe dringend interessiert. Aus deutscher Sicht handelt der Streit über die Ungültigkeit des Münchner Abkommens jetzt nur noch von detaillierten Rechtsfolgen, die – das wird auch in Prag nicht dementiert – möglicherweise tschechische Bürger sogar eher betreffen könnten als deutsche. Wichtige Fragen wie die Vermögensansprüche von Sudetendeutschen sind jetzt ausdrücklich ausgeklammert geblieben; ein Briefwechsel zwischen den Außenministern Genscher und Dienstbier im Anhang bekräftigt dies. Einen wechselseitigen Verzicht auf Reparationsforderungen, wie Václav Havel und Jiři Dienstbier ihn wünschten, enthält der Vertrag ebenfalls nicht. Er bestätigt jedoch die bestehenden Grenzen. Es gibt "keinerlei Gebietsansprüche" von beiden Seiten mehr. Ein Assoziierungsabkommen mit der EG, das Prag an die Gemeinschaft heranführt, werde von Bonn unterstützt, heißt es. Den deutschen Minderheiten werden erstmals eigene Rechte eingeräumt.

Die CSU und Teile der CDU wünschen nun eine ergänzende "Resolution". Sowohl Bonn als auch Prag erwecken damit den Eindruck, die Wiedergutmachungsansprüche der Sudetendeutschen seien heute das wichtigste Zukunftsproblem zwischen den Staaten oder gar für die ČSFR – während hinter dem Lärm, den CSU und Sudetendeutsche Landsmannschaft sowie ihre nationalistischen oder auch einfach verängstigten Widersacher in Prag machen, bereits Strohmänner eifrig dabei sind, sich in der Tschechoslowakei einzukaufen.

Die Münchner Resolutionäre möchten ein baldiges Rückkehrrecht für Sudetendeutsche und eine Regelung der Vermögensfrage erreichen. Das behaupten sie jedenfalls. Während damals also den Deutschen Prager Reparationsforderungen vor Augen standen, fürchten die Prager heute die Wünsche der Deutschen, von denen man Hilfe braucht und erwartet, nach Entschädigung oder Rückgabe von Eigentum.

Die Bayern buddeln nun auch das Münchner Gespenst wieder aus. Das Abkommen, argumentieren sie, sei nicht von Anfang an ungültig, sondern "rechtswirksam zustande gekommen und effektiv durchgeführt". Zum vollständigen Bild gehört aber noch eine kleine andere Vorgeschichte. Danach hatte Präsident Havel angeboten, vertriebene Sudetendeutsche könnten die Staatsbürgerschaft wiedererhalten und zurückkehren. Sie würden mit allen CSFR-Bürgern gleichgestellt. Dafür allerdings müsse das Münchner Abkommen für null und nichtig von Anfang an erklärt werden.

Was Havel nicht anbot und auch nicht anbieten konnte, war, den Deutschen, die zurückkehren, auch ihren alten Besitz zu überlassen. Das hätte die Rückkehrer bevorzugt. Das Restitutionsgesetz schließt die Rückgabe von Eigentum, das vor der kommunistischen Machtübernahme im Jahr 1948 enteignet wurde, eben für jedermann aus, auch für tschechische Bürger. Über Havels Überlegungen ist allerdings auch die deutsche Öffentlichkeit nicht wirklich informiert worden. Diejenigen, die so oft die Heimatrechte beschwören, als säßen sie noch immer auf Koffern, sollten von Bonn offenbar nicht wirklich getestet werden. Es ist kein Geheimnis, warum Bonn die Böhmen-bleibt-unser-Illusion so lange leben ließ. Von Anfang an standen Rücksichten auf Wählerstimmen dahinter.

Bei Caspar Hilzinger war noch die Nachdenklichkeit darüber spürbar, daß er mit Vertretern eines Volkes hart und interessengeleitet verhandeln mußte, "für das man Mitgefühl empfindet wegen des Unrechts, das ihm angetan worden ist". Davon war bei der Unterzeichnung in Prag nun gar nichts mehr zu entdecken.

Nicht einen Augenblick lang schimmerte da ein (deutsches) Verständnis durch, das Münchner Abkommen und die Rückerstattung enteigneten Besitzes seien auch Chiffren für ein politisch-psychologisches Problem – Chiffren dafür, was Bonn zur inneren Stabilisierung einer jungen Demokratie beitragen kann, deren Bestand als Föderation keineswegs gesichert ist. Chiffren schließlich für die Identität des Staates selber, da die erste demokratische Republik eben doch traditionsbildend wirkt.

An diese Tradition knüpft Václav Havel ganz betont an. Das hatte ihn vermutlich bewogen, Helmut Kohl in das Renaissanceschlößchen Lány vor den Toren Prags einzuladen, wo Tomas G. Masaryk, der erste Präsident der Tschechoslowakei, Gespräche über die Konturen der jungen Republik führte. Masaryk liegt dort auch begraben.

Ohne wirkliche Botschaft

Aber Kohl bleibt nur in Erinnerung, daß man sich gut verstanden habe; er hoffe, öfter mal mit Havel telephonieren zu können, "auch auf persönlicher Basis, nicht nur als Präsident und als Kanzler".

Sicher wird in der ČSFR die Furcht vor der "Germanisierung" auch aus durchsichtigen Gründen genährt. Aber es sind die Deutschen, die heute aus. einer anderen psychologischen Position heraus agieren, anders auch als 1973. Sie kehren jetzt als "Sieger" der Geschichte zurück, als die Wohlhabenden, die (bisher) achtzig Prozent der Investitionen ausländischer Firmen geleistet haben und die in dem Vertrag auch versprechen, dem Land beim Aufbau der Marktwirtschaft helfen zu wollen. Für die Problematik dieser eigenen Rolle und die Ambivalenz der politischen Seelenlage in der tschechischen Gesellschaft selbst haben Richard von Weizsäcker und Hans-Dietrich Genscher Gespür bewiesen. Die ungekünstelte Nähe zwischen Weizsäcker und Havel, der gewitzte Pragmatismus von Dienstbier und Genscher, das alles funktioniert blendend.

Aber man wagt kaum, an Kohls Besuch solche Maßstäbe zu legen. An warmen Worten hat es nicht gefehlt, aber ein Auftritt in Harmonie war es nicht. Der Kanzler war ohne jede wirkliche Botschaft gekommen. Er machte auch keinen Besuch in Lidice oder anderswo. Er wickelte diesen hochgepriesenen "Neuanfang" schlicht ab. Zwei Welten begegneten einander: der kleine große Havel und der mächtige große Kohl. Die Wahrheit des Schmächtigen klang anders als die Wahrheit des Mächtigen. In Kohls Augen ist der Vertrag ein historisches Werk und ein Schritt von grundlegender Bedeutung. Havel wiederum nannte ihn schlicht das, "worauf wir uns im Augenblick einigen konnten", einen Kompromiß also, mehr nicht.

Kohl entrüstete sich auf die Frage, warum der Termin für die Unterzeichnung so lange hinausgeschoben worden sei, er wisse gar nicht, "wer das Gerücht aufgebracht hat". Im übrigen habe er auch andere Probleme auf seinem Terminkalender, und Bundeskanzler sei kein "Vergnügungsjob". Havel wiederum sprach von dem Prager Wunsch, den Vertrag früher zu unterzeichnen, so aber hätten eben die innenpolitischen Interessen beider Länder abgewogen werden müssen.

Auf die weitere Frage, was er von den Demonstranten halte, die ihm, gegen den Vertrag protestierend, auf dem Burgplatz die Fäuste entgegenstreckten (und Havel nachriefen: "Schande, Schande", "Havel von der Burg", "Heim ins Reich"), antwortete er, das habe ihn nicht sonderlich beeindruckt, "jeder Wind weht einen an".

Havel meinte ironisch, besonders dramatisch sei ihm der Protest nicht vorgekommen, eher habe es sich um eine familiäre Atmosphäre gehandelt, andererseits unterschätze er nicht, welche Kräfte und Gruppen mit unterschiedlichsten und auch verständlichen Motiven dahinterstünden. Kein offenes Wort von Kohl, das dem von Havel vergleichbar wäre, die deutsche Rechte und die tschechische Linke erschwerten die Aussöhnung. Kein Satz, der ähnlich klug und selbstkritisch wie der von Havel an die eigene Adresse gegangen wäre, die Vertreibung sei zutiefst unmoralisch gewesen. Von Kohl hat man auch kein Urteil wie dieses gehört, der Bazillus der Gewalt und des Bösen, den der Nationalsozialismus in Europa verbreitete, habe schließlich "auch seine Opfer erfaßt". Das hatte Einfluß auf das spätere Verhältnis zu den Deutschen, fuhr Havel fort. Die Vorfahren hätten sich "auf das Prinzip der Kollektivschuld eingelassen und ersetzten individuelle Strafe durch kollektive Rache".

Ganz normal: kleinkariert

Helmut Kohl appellierte an alle, ehrlich zu sein und die Wahrheit zu sagen. Václav Havel hat einfach die Wahrheit gesagt. Kohl drängte, die Vergangenheit nicht zu vergessen. Havel hat sie nicht vergessen. Kohl monologisiert, Havel sucht den Dialog. Kohl sprach von Wünschen, die die Deutschen haben. Havel wandte sich an die eigene Adresse, als er sagte, es komme auf sein Land an, die neuen Spielräume auch zu nutzen. Der Vertrag sei "asymmetrisch" zugunsten Prags.

Manches Mal, schrieb Paul Frank in seinen Memoiren, habe er sich gefragt, was die tschechoslowakischen Verhandlungspartner von ihm wohl dächten und was er an ihrer Stelle wohl empfände. "Dies bedrückte Caspar; Hilzinger in jeder Verhandlungsrunde. Er konnte sich nicht auf die Argumente einlassen, die die Geschichte den Tschechoslowaken lieferte." Von diesem Begreifenwollen auf Bonner Seite ist neunzehn Jahre später wenig zu spüren. Die ganz normale Kleinkariertheit regiert.