„Es wurde nachgewiesen, daß es sich bei solchen Personen wie ... TEMPLIN ... um unverbesserliche Feinde des Sozialismus handelt. Wer sich mit solchen Leuten einläßt, muß sich über die Konsequenzen im klaren sein.“

Erich Mielke, Minister für Staatssicherheit der DDR, in einer Rede am 9. März 1988.

Auch Erich Honecker las über ihn, über diesen „langjährig tätigen, fanatischen Feind der DDR“, eben über den „hinlänglich bekannten TEMPLIN, Wolf gang“. Begegnet sind sie sich nie, der Parteichef und der Staatsfeind. Doch es gab Papiere, die solch gegensätzliche Welten verbanden. Zum Beispiel die Information Nr. 454/87, deren erstes Exemplar für „Hon.“, für den Genossen Generalsekretär, bestimmt war.

Absender der Information war das Ministerium für Staatssicherheit. Es fügte seiner Analyse der aktuellen Lage gleich noch eine Auskunft zur Person eines „der bedeutsamsten Organisatoren politischer Untergrundtätigkeit“ bei: „TEMPLIN, Wolfgang, geb.: 25.11.1948 in Jena, wohnh.: 1100 Berlin, Neue Schönholzer Str. 12, Beruf: Diplom-Philosoph, Tätigkeit: ohne Arbeitsrechtsverhältnis“. Ein kleiner Schnipsel nur aus der Biographie eines DDR-Bürgers, den Erich Mielke insgesamt achtzehn Jahre lang verfolgen und dessen Leben er auf mehr als 12 000 Seiten dokumentieren ließ. Das vergilbte Papier entlarvt zugleich, wie der bürokratische Sozialismus diese Vita des Widerstandes mit aller Staatsgewalt zu verbiegen, zu zerbrechen versuchte. Zersetzen nannte die Stasi das.

Heute ist der TEMPLIN, Wolfgang wieder Wolfgang Templin, vom Objekt zum Subjekt geworden – dazu zählt für den prominenten Bürgerrechtler, der als Oppositioneller 1988 aus der DDR verbannt wurde, auch das Recht, anhand seiner Stasi-Akte die eigene Vergangenheit besser zu begreifen. Für diese „Rückeroberung als Rückbesinnung“ sitzt er seit Januar dieses Jahres regelmäßig an einem kleinen Tisch in der Berliner Gauck-Behörde – und liest und liest und liest.

Die Akte Templin ist weitaus dicker als die meisten der insgesamt etwa sechs Millionen Stasi-Dossiers. Die nüchtern-staubtrockene Sprache der Protokolle bedrückt in ihrer Banalität mehr als daß sie entsetzt. Zwischen den engen Zeilen sucht Templin zu ergründen, wie weit er als Regimegegner noch Herr seines Lebens war – und wo die Stasi ihn nur noch an Fäden führte. Wieviel Freiraum konnte sich die DDR-Opposition noch be-

wahren? Wieviel war nur noch Manipulation durch falsche Freunde in den eigenen Reihen? Die Stasi-Perspektive zwingt zum Vergleich von bürokratischen Berichten und menschlicher Erinnerung. Immer wieder dringt Templin zu Kernfragen der historischen Aufarbeitung vor: Wie „wahr“ ist die Akte? Konnte der Apparat nur sehen, was er sehen wollte? Wann lügt der kleine Sachbearbeiter aus Erfolgsdruck, wann der Spitzel aus Eitelkeit?