Vor 75 Jahren endeten das Heilige Rußland und seine tausendjährige Monarchie.

Von Ernst Bartsch

In dem herrlich gelegenen Schloß Livadia auf der Krim rang Zar Alexander III. im Herbst 1894 mit dem Tode. Weinend beugte sich die noch junge Zarin über den immer schwächer Werdenden. Etwas abseits stand der sechsundzwanzigjährige Thronfolger Nikolaus, ein unscheinbarer, schlanker Mann mittlerer Größe mit dem breiten, offenen Gesicht des Vaters und den ausdrucksvollen Augen der Mutter. Eine hochgewachsene Frau mit hellen Augen und schöngeformten Zügen, die Braut des Zarewitsch, Prinzessin Alice von Hessen, hielt seine Hand. Sie war nach dem frühen Tod ihrer Mutter von ihrer Großmutter, der Königin Victoria, in England erzogen worden.

Am Nachmittag des 1. November 1894 starb der Monarch. Der neue Herrscher aller Reußen hieß Nikolaus II. Der bärenstarke Alexander III., von dem es hieß, er könne ein Hufeisen geradebiegen, hatte noch eine lange Regierungszeit erwartet und seinen ältesten Sohn von allen Regierungsgeschäften ferngehalten. So fühlte sich Nikolaus der Schwere seines künftigen hohen Amtes nicht gewachsen und wollte zunächst auf den Thron verzichten. Seine Braut machte ihm jedoch Mut und stärkte sein Selbstbewußtsein. Am nächsten Tage konvertierte die hessische Prinzessin zum orthodoxen Glauben und nahm den russischen Namen Alexandra Feodorowna an.

Das junge Paar begleitete den Trauerzug mit der Leiche des toten Zaren auf der weiten Reise nach St. Petersburg. Allerorts läuteten die Glocken, wehten die weißblauroten Fahnen auf halbmast, standen die Menschen geduldig Spalier, um von ihrem zur batjuschka, ihrem "Väterchen Zar", Abschied zu nehmen. Einfache Bäuerinnen bekreuzigten sich, wenn sie von der tiefverschleierten künftigen Zarin einen Blick erhaschen konnten und murmelten: "Sie kommt mit einem Leichenzug, sie wird Rußland Unglück bringen!"

Nach der feierlichen Beisetzung in der Peter-Pauls-Kathedrale beschloß der Familienrat, die Trauerzeit für einen Tag zu unterbrechen, um im Winterpalais die Hochzeit des jungen Paares zu feiern. Die Krönungsfeierlichkeiten folgten im Frühjahr 1896; sie wurden mit byzantinischer Pracht im Moskauer Kreml zelebriert. Überschattet waren sie von einem großen Unglück: Bei einem Volksfest auf dem nahegelegenen Felde von Chodynka wurden 2000 Menschen im Gewühl erdrückt.

Eine der ersten Auslandsreisen führte das junge Herrscherpaar, dem inzwischen eine Tochter geboren war, nach Paris. Nach Augenzeugenberichten säumten mehr als eine Million Menschen die Straßen, durch die in einer offenen Kutsche, von malerischen nordafrikanischen Spahis eskortiert, das Zarenpaar fuhr. Die Menge winkte und jubelte: Vive la Russie, vive la France! Und als sie die kleine Olga mit dem Kindermädchen in einer Kutsche entdeckte, erscholl es: Vive le bebe, vive la Grande Duchesse!