Vor gut dreißig Jahren wurde plötzlich vieles anders im europäischen Kino. Ein paar junge Rebellen warfen das Alte, Herkömmliche, Traditionelle einfach auf den Müllhaufen. Neue Helden und neue Geschichten wollten sie – und einen ganz anderen visuellen Stil. Wofür sie mit neuen Leuten an der Kamera arbeiteten. Die beiden wichtigsten: Raoul Coutard (mit seinen Bildern für Godard) und Nestor Almendros (mit seinen Bildern für Rohmer und Truffaut).

Coutard und Almendros, das sind die beiden Kameravirtuosen der Moderne: Coutard, der Stratege der Untersuchung, und Almendros, der Magier der Entdeckung. Der eine analysierte in seinen Bildern den sichtbaren Zustand der Welt, bot eher Lektüre als Schauspiel. Der andere zauberte mit seinen Kontrasten eine doppelte Strenge ins filmische Erzählen. Er verzichtete auf Tricks und Glamour, wagte eher karge Protokolle denn opulente Dramen.

Kunstgriffe der Kamera hielt er für "falschen Zauber", Beleuchtungsorgien bloß für einen Vorwand, die eigene Gage in die Höhe zu treiben. Sein Interesse galt der Komposition, nicht der Kontur. So experimentierte er immer wieder mit dem natürlichen Licht, das der Dunkelheit trotzt. Fenster im Hintergrund, Stehlampen, Kerzen: Einfache Lichtquellen mußten genügen, um auch die Dinge am Rande zu akzentuieren. Wenn nötig, ließ er seine Bilder so dunkel, daß man darin sogar das Gras wachsen hörte.

Nestor Almendros, sagte Eric Rohmer, sein wichtigster Regisseur in den sechziger Jahren, zeichne aus, "daß er nicht nach dem sucht, was ‚hübsch‘ ist". Bei ihm könne "aus etwas Häßlichem ... die filmische Schönheit hervortreten". In seinen Bildern wirkten "die Personen ziemlich hart", doch "genau diese Härte" sei es dann, "die den Liebreiz betont".

Geboren wurde Almendros 1930 in Barcelona. Im Alter von achtzehn Jahren emigrierte er nach Kuba. Mitte der fünfziger Jahre lebte er in New York, arbeitete mit Maya Deren, Jonas Mekas und anderen aus der Underground-Szene. Anfang der sechziger Jahre ging er nach Frankreich, wo er den Männern begegnete, die seine weitere Arbeit bestimmen sollten: Eric Rohmer, François Truffaut, Barbet Schroeder.

Rohmers "Die Sammlerin" (1967), "Claires Knie" (1970) und "Die Liebe am Nachmittag" (1972), Truffauts "Der Wolfsjunge" (1970), "Die Geschichte der Adele H." (1975) und "Die letzte Metro" (1979): Das Wundersame von Almendros’ Bildern in den sechziger und siebziger Jahren liegt in den abenteuerlichen Arrangements, die er um die Figuren in ihrer jeweils besonderen Umgebung setzt. Etwas Vorläufiges, Unvollendetes, Offenes strahlen diese Bilder aus, die den Regisseuren Raum lassen für inszenatorische Phantasie, Vielleicht kann man deshalb bei Almendros so genau wie sonst bei keinem anderen studieren, was die Franzosen im Kino als mise en scène verherrlichen: diese doppelbödige Organisation der Figuren im Raum und die Ordnung dahinter, die das Geschehen vorne prägt.

Nach Filmen für Monte Hellman ("Cockfighter", 1974) und Terrence Malick ("Days of Heaven", 1978), für den er einen Oscar erhielt, arbeitete Almendros in den achtziger Jahren immer häufiger in den USA. Seine Regisseure: Jack Nicholson, Randolph Kleiser und Alan J. Pakula, Robert Benton, Martin Scorsese und Mike Nichols. Ihren Filmen gab Almendros einen europäischen Touch. Er gehörte neben Sven Nykvist und Michael Ballhaus zu den Bildermachern, die das amerikanische Kino nachhaltig veränderten. Ob Western ("Der Galgenstrick", 1978) oder Thriller ("In der Stille der Nacht", 1982) oder Gangsterfilm ("Billy Bathgate", 1991) – Almendros’ Photographie nahm ihnen das Rauhe, Naive, das übermäßig Physische und verlieh ihnen statt dessen die Aura des Reinen und Erlesenen.

Almendros, so Rohmer, habe ein besonderes Gespür dafür besessen, "Figuren und Landschaft miteinander zu verbinden". Rohmer sah Almendros in der Tradition der Maler, "die ihre Gegenstände in Licht tauchen, statt sie voneinander zu isolieren", Maler wie Rembrandt oder Turner oder Cézanne. Almendros habe durch die "Kameraarbeit, die mehr mit dem Modellieren von Figuren zu tun hat als mit ihren Umrissen", seine Motive "in Licht gebadet".

Am letzten Donnerstag ist Nestor Almendros in New York einem Krebsleiden erlegen.

Norbert Grob