In Hamburg wehren sich orthodoxe Juden gegen die Überbauung jüdischer Gräber

Von Alexander Jung

Hamburg, im März

Irgendwo hier unten ist mein Großvater begraben.“ Aron Gertner deutet auf den aufgerissenen Asphalt, unter dem der lehmige Grund zum Vorschein kommt. „Wenn deine Vorfahren hier liegen würden, wärst du doch auch hier?“ fragt er, wartet auf Zustimmung und zündet sich eine Zigarette an. Eigentlich müsse er ja in Tel Aviv seine Ausbildung zum Rabbiner fortführen, sagt der 26jährige, der durch seinen Bart viel älter wirkt, aber es sei ihm wichtiger, die Totenruhe seiner Ahnen zu verteidigen. Sein Lehrer in Israel habe ihn sogar ermuntert, nach Deutschland zu reisen. Von ihm erfuhr er überhaupt erst von der Sache. „Als Jude bin ich schließlich verpflichtet, den Frieden der Verstorbenen zu schützen“, sagt Gertner, lehnt sich an den Bagger und übersetzt den anderen Männern, die in ihren langen, schwarzen Gehröcken um ihn herum stehen, seine Worte ins Hebräische; sie nicken ihm zu.

Von überall sind sie angereist, aus England, Frankreich, Belgien, Holland und Israel, und wollen verhindern, daß auf einem Gelände im Hamburger Stadtteil Ottensen, etwa 200 Meter vom Bahnhof Altona entfernt, ein 300 Millionen Mark teures Einkaufszentrum gebaut wird. Denn wo heute Baucontainer stehen und sich der Schutt türmt, liegt ein jüdischer Friedhof verborgen im Untergrund.

Der dänische König Frederik III. hatte den Ottenser Juden im Jahre 1664 das Gelände überlassen, damit dort ihre Toten auf ewig ruhen könnten. Doch die Ewigkeit endete, als der Zweite Weltkrieg begann. Nationalsozialisten zwangen die Hamburger Juden, den Friedhof herauszugeben, bauten darauf zwei Luftschutzbunker und zerstörten einen Teil der Gräber. Noch immer liegen die Gebeine von etwa 4000 Juden in der Erde, schätzen die protestierenden Orthodoxen.

Nach dem Krieg wurde das Gelände von der Jewish Trust Corporation, einer Treuhandgesellschaft, die sich des enteigneten jüdischen Besitzes annahm, an den Hertie-Konzern verkauft mit Zustimmung der Hamburger Jüdischen Gemeinde. Auf einem Teil des Areals öffnete im Jahre 1953 das Kaufhaus. Grabsteine und Gebeine, auf die man während des Baus gestoßen war, wurden auf den jüdischen Teil des Hamburger Zentralfriedhofs in Ohlsdorf umgebettet, darunter auch das Grab des Bankiers Salomon Heine, des Onkels von Heinrich Heine.

Doch dieser Verkauf des Friedhofes und die Umbettung der Toten sind nach jüdischem Glauben frevelhaft. Allein den Verstorbenen gehört die Erde, in der sie liegen – für immer. Kein anderer Mensch darf über sie verfügen, so schreibt es die Halacha vor, die als schriftliche Thora die Gebote der fünf Bücher Mose, als mündliche Thora deren Interpretationen sowie nicht in der Bibel vorhandene Vorschriften umfaßt. „Ein Friedhof ist geheiligte Erde, die bei der Begehung des Grundstückes geweiht wird“, erklärt der Bremer Rabbiner Professor Benjamin Barslai. „Er bleibt auf ewig ein heiliger Ort und darf nicht veräußert werden.“

„Aus heutiger Sicht war es ein Fehler, nach dem Krieg das Gelände zu verkaufen“, räumt Heinz Jaeckel, Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde Hamburg, ein. Er kann nicht erklären, wie es damals zu dem Verkauf kommen konnte, der so klar gegen jüdische Glaubensregeln verstößt.

Männer mit Schläfenlocken

Was vier Jahrzehnte lang vergessen war oder verdrängt wurde, trat wieder zutage, als die Grundstücksgesellschaft Büll & Liedtke vor drei Jahren das Grundstück erwarb und die Planung für das neue Einkaufszentrum „Quarree“ vorstellte. Zunächst kam der Widerstand von den Anwohnern. Sie befürchteten, daß die Mieten steigen könnten und Wohnraum zerstört werde, konnten aber das Genehmigungsverfahren nicht aufhalten. Dann wurde Atra Kadisha, eine orthodoxe jüdische Organisation, die sich weltweit um alte Friedhöfe kümmert, auf die Diskussion aufmerksam und organisierte den Protest.

Vor zehn Tagen hat die Blockade begonnen: Um acht Uhr morgens betreten rund hundert orthodoxe Juden die Baustelle. Der leichte Nieselregen perlt ab von ihren schwarzen Mänteln und Hüten. Sie singen Psalmen, bitten die Toten um Verzeihung, daß ihre Ruhe gestört wurde, und beten dafür, daß die Heiligkeit des Friedhofs wiederhergestellt wird. Die Bauarbeiter sind verdutzt und mustern die bärtigen Männer mit ihren Schläfenlocken, die in andächtigem Protest versunken sind. Der Bauleiter fordert sie auf, die Baustelle zu verlassen, aber sie bleiben und klettern auf den Bagger. Polizisten greifen nicht ein. „Die Angelegenheit ist zu heikel“, sagt ein Beamter. Sie wollen abwarten, wie der Senat dazu steht. Mittags ziehen die Juden durch Altona. Einer trägt ein Skelett aus Plastik vor sich her und hält ein Transparent hoch: „1942 wurde mein Grab entweiht, 1992 werde ich ausgelöscht...“ Ihr Weg führt zum Rathaus, doch dort werden sie gestoppt. Aron Gertner gelangt in den Haupteingang. Er setzt sich auf den kalten Steinboden und verharrt mehrere Stunden.

Die Orthodoxen pochen auf überliefertes jüdisches Recht. „Die Gräber gehören den Toten, die einst die Grabstellen kauften“, argumentiert Gertner. Für ihn und seine Glaubensbrüder komme es daher nicht in Frage, das Areal zurückzukaufen. Er fordert, daß der Friedhof wieder in seinen ursprünglichen Zustand versetzt wird. Er weiß aber auch, daß das deutsche Recht gegen diese Wunschvorstellung spricht. Die Baugesellschaft ist rechtmäßige Eigentümerin; für den Neubau wurde eine einwandfreie Genehmigung erteilt. Die protestierenden Orthodoxen verweisen dagegen auf die Pflicht der Deutschen zur Wiedergutmachung. Josef Lobenstein, Vertreter von Atra Kadisha, ist eigens wegen der Angelegenheit aus London gekommen: „Vor 53 Jahren bin ich aus Deutschland weggegangen, weil man die Lebendigen verfolgt hat“, sagt er, „und ich bin in diesem Monat zurückgekommen, weil man nun die Toten verfolgt.“

Der Hamburger Senat hält sich in der Auseinandersetzung zurück. „Wir können allenfalls eine Mittlerrolle spielen“, sagt Thomas Mirow, Chef der Senatskanzlei. Es sei jedenfalls nicht möglich, mit öffentlichen Mitteln den Fehler der Jüdischen Gemeinde zu beheben. „Wir haben den Fehler nicht zu verantworten.“

Inzwischen hat der Rechtsanwalt Berysz Rosenberg, Mitglied der Zürcher Jüdischen Gemeinde, auf strafrechtlichem Weg versucht, den Bau zu stoppen. Er hat Anzeige gegen Unbekannt erstattet wegen Störung der Totenruhe und beruft sich auf Paragraph 168 des Strafgesetzbuches: „Wer eine Beisetzungsstätte zerstört oder beschädigt, wird mit einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren- oder mit Geldstrafe bestraft.“ Der Hamburger Oberstaatsanwalt Reiner Lilie ist allerdings skeptisch: „Das dürfte kaum Erfolg haben.“ Schließlich sei das Grundstück als Baugrund und nicht als Grabstätte verkauft worden. Außerdem sei es fraglich, ob das Gelände heute noch als Beisetzungsstätte bezeichnet werden könne.

Freier Blick zum Himmel

Unterdessen reisten einige Orthodoxe wieder zurück in ihre Heimat; sie wurden abgelöst von anderen jüdischen Demonstranten. Die Arbeiter sind abgezogen, die Baumaschinen stehen still. „Wir wollen nicht, daß es zum Eklat kommt“, sagt Peter Voß, der Geschäftsführer von Büll & Liedtke: „Daher dulden wir gezwungenermaßen diese rechtswidrige Aktion auf unserem Grundstück.“

Immer wieder kommen Passanten auf die Baustelle und diskutieren mit den Demonstranten. Ein Mann möchte wissen, ob das Problem nicht zu lösen sei, indem man das Einkaufszentrum auf Stelzen setzt. „Darunter könnte der Friedhof neu angelegt werden“, sagt er. Doch Aron Gertner winkt ab. Dann wäre für die Toten nicht der Blick zum Himmel frei, antwortet er.

Viele äußern Verständnis für den Standpunkt der Juden, teilen aber nicht die Radikalität. Eine Frau mit Kopftuch meint, die Demonstranten sollten den Friedhof zurückkaufen. Bernd Neumann übersetzt die Aussagen ins Hebräische, antwortet aber diesmal selbst: „Es ist nicht eine Frage des Geldes, sondern der Ethik.“ Neumann gehört der Hamburger jüdischen Gemeinde an. Er unterstützt die kompromißlose Haltung der Orthodoxen. Die Mehrheit der rund 1400 Gemeindemitglieder nimmt indes eine moderate Position ein. Sie teilen die verletzten religiösen Empfindungen der strenggläubigen Juden, sehen sich aber auch dem deutschen Recht verpflichtet, Noch im vergangenen Jahr stimmten sie im Genehmigungsverfahren dem Bau des Einkaufszentrums zu. Da verwundert es nicht, daß die etwa sechzig Mitglieder der Jüdischen Gemeinde, die am Freitagabend zur Feier des Sabbats in die Synagoge gekommen sind, unter sich bleiben. Keiner der Demonstranten nimmt am Gottesdienst teil.

Die Diskussion um die Zukunft des Grundstücks in Ottensen zieht derweil immer größere Kreise. Sie ist zu einem Politikum geworden, das auch im Ausland beachtet wird. Orthodoxe Juden haben vor deutschen Botschaften protestiert; 34 amerikanische Kongreßabgeordnete forderten den Bundeskanzler auf, sich für die Erhaltung des Friedhofs einzusetzen.

Der Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, Heinz Galinski, ist gar nicht glücklich darüber, daß die Diskussion diesen Stellenwert bekommen hat. „Sie ist abträglich für uns Juden und die nichtjüdische Öffentlichkeit.“ Juden sähen das Bild vom bösen Deutschen bestätigt, und umgekehrt sprächen Deutsche wieder vom internationalen Judentum. „Es ist ein Fehler begangen worden, als der Friedhof verkauft wurde, und wir müssen das Schlamassel nun ausbaden.“ Er appelliert an alle Beteiligten – die orthodoxen Demonstrierer, die Jüdische Gemeinde, den Senat und die Investoren –, eine Denkpause einzulegen, die Spielräume auf allen Seiten auszuloten und einen Kompromiß zu finden.

Wie der aussehen könnte, ist allerdings noch unklar. Eine Lösung, wie sie im Sommer 1987 bei der Diskussion um den Frankfurter Börneplatz gefunden wurde, kann hier kaum erfolgreich sein. Damals stieß man während der Ausschachtung für das Kundenzentrum der Stadtwerke auf Überreste des mittelalterlichen jüdischen Ghettos. Das Gelände wurde überbaut und im Kellergeschoß des Gebäudes ein Museum eingerichtet, so daß ein Teil der Relikte jüdischen Lebens erhalten blieb. In Hamburg sollen jedoch nicht historische Stätten konserviert, sondern heiliger Boden angetastet werden – ein Tabu für strenggläubige Juden.

Aron Gertner will so lange bleiben, bis der Konflikt gelöst ist. Wenn die Bauarbeiter wieder anrückten und weiter ausschachteten, würde er sich mit seinem Körper dagegen wehren. Ein Anruf genüge, und Hunderte von Mitstreitern kämen nach Hamburg, um die Bauarbeiten zu blockieren. „Ich bleibe ein Jahr oder zwei, so Gott will“, sagt; er, „ich habe Geduld.“