Ich bin traurig. Mein Bruder ist gestorben, und er wird wohl noch ziemlich lange tot bleiben, bis ich das merke.

Im Spiegel steht ein lauter Nachruf auf ihn von Siegfried Unseld. „Wir wurden“, schreibt Unseld, „Freunde.“ Hier irrt Unseld.

Außerdem hätte ich lieber einen Nachruf von meinem Bruder gelesen. Weil mein Bruder besser als Siegfried Unseld schreiben konnte. Seine zwei- bis vierzehnhebigen Anapäste, mit denen er – „Soll ich etwa Blumen schicken?“ – Jubilare volldichtete, waren berüchtigt, und wer sie einmal hörte, behält den Beat ein Leben lang im Knie.

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„And now“, wie es bei Monty Python heißt, „for something totally different.“ Es war einmal, lange vor Ihrer Zeit, als ein großes Bier noch vierzig Pfennig kostete, ein Eis am Stiel dagegen zehn, weshalb man nie vier Eis am Stiel bestellte, ein guter praktischer Arzt namens Prof. Dr. Kurt Grobe. Der war dem Heiligmäßigen so nah wie nur je jemand, der je jewohin hat Zigarrenasche fallen lassen. In Gera hatte er als Sozi erst unter den Nazis, dann unter den Kozis zu leiden, deshalb zog er um und machte im Hamburger Arbeiterstadtteil Horn eine Praxis auf. Und er las viel und machte sich so seine Gedanken und blieb Sozi. So konnte es nicht ausbleiben, daß er erstens Trauzeuge, meines Vaters wurde, als dieser meine Mutter freite, und zweitens Spitzenkandidat der Deutschen Friedensunion (DFU), einer sanft kryptokommunistischen, knickrig vom Osten bezahlten, völlig unschädlichen kleinen Partei, die hoffte, dermaleinst zum Sammelbecken aller linken, fortschrittlichen Kräfte zu werden, was sie, ohne es zu wissen, bereits war, denn mehr war nicht drin. Bei Wahlen bekam sie zuverlässig 0,8 bis 1,2 Prozent, und hätte sie nur 50 Prozent mehr gekriegt, wäre Klara Maria Faßbinder Bundeskanzlerin geworden, und wir hätten den ganzen Ärger mit den Ossis nicht.

Das ging ja aber so nicht weiter. Deshalb stellten sich jeden Morgen zwei Herren in ... äh... Zivil unten an die Eingangstür des Hauses in der Homer Landstraße, in dessen zweitem Stock sich die Praxis unseres Spitzenkandidaten befand, und fragten die Leute aus: „Wohin wollen Sie?“ Wenn die Leute sagten: „Zum Arzt“, sagten die zwei Herren in Zivil: „Ja, wußten Sie denn nicht, daß der ein ganz übler Engelmacher ist?“, erzählten ständig wechselnde Schauermärchen und empfahlen andere Ärzte. Wer aber darauf bestand, zu diesem Arzt gehen zu wollen, oder wer sagte, er will zu Köhlers im 4. Stock, der durfte passieren. Wir lebten ja schließlich in einem Rechtsstaat und nicht in einer Stasi-Diktatur.

Das war damals. In der Zeit, als einmal Kettenkarussellfahren fünf Pfennig kostete, als Herausgeber sich vor ihre Redakteure stellten, wenn die etwas geschrieben hatten; als Bill Haley noch lebte, die Erde noch und auch die Hoffnung.

Dahin, dahin. Damals war Jupp Müller-Marcin Herausgeber der ZEIT. Und Helmut Schmidt war Innensenator in Hamburg.

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And now for something totally different: Alles wächst irgendwie zu und nach. Freunde wachsen nach, Moos, Gras und alles Gute. Mein Bruder wächst nicht nach. Am 17. März findet zu seinen Ehren ein großes Besäufnis statt. Am, ja, am St. Patrick’s Day. Wir zählen auf Ihre Teilnahme. Sldinte, bráthair, I’ll be joining you.