Von Marion Gräfin Dönhoff

Da hat der "Weltgeist" für den so entscheidenden Akt jenes Stückes, das zur Zeit in Südafrika aufgeführt wird, wirklich eine glanzvolle Inszenierung entworfen: Auf weißer und schwarzer Seite zwei gleichwertig souveräne Verhandlungsführer, und das Ganze zu einem Zeitpunkt, der gleich nach dem Zusammenbruch des Kommunismus einfach optimal ist. Man muß sich nur Staatspräsident de Klerks engstirnige Vorgänger vor Augen führen, um den Kontrast zu ermessen und zu begreifen, warum erst jetzt Fortschritte möglich geworden sind.

Frederik Willem de Klerk, ein biederer, konservativer Anwalt, von dem niemand Visionen oder gar umwerfende Entscheidungen erwartete, betrat als ein weitschauender, liberaler, mutiger, entscheidungsfreudiger Mensch – als ein wirklicher Staatsmann – die Bühne. Im September 1990 wurde er zum Präsidenten gewählt. Vier Monate später, am 2. Februar 1991, hielt er jene epochale Rede, mit der er das Ende der Apartheid verkündete. Neun Tage später wurde Nelson Mandela nach 27 Jahren Haft aus dem Gefängnis entlassen. Und sehr bald stellte sich heraus, daß er ein ebenbürtiger, weil ebenfalls weitschauender, moderater, mutiger Partner ist. Wenige Tage vor Weihnachten wurde dann eine gemischtrassische Organisation gegründet: die Convention for a Democratic South Africa (CODESA), die gewissermaßen ein zweites Parlament darstellt.

Mit großen Schritten marschierten de Klerk und Mandela dem Ziel entgegen, ein von der Apartheid befreites. Südafrika zu errichten. Plötzlich aber wirkte eine Nachwahl in Potchefstroom wie ein Stoppschild. "Potch", einst die Hauptstadt von Ohm Krügers Südafrikanischer Republik, ist eine kleine, konservative Provinzstadt von 40 000 Einwohnern, die seit eh und je mit sicherer Mehrheit für die National Party – de Klerks Partei – gestimmt hatte. Bei der vorletzten Wahl bekam die NP dort 56 Prozent der Stimmen. Diesmal nur 44, während die oppositionelle konservative Partei (CP) von 44 auf diesmal 56 Prozent anwuchs.

Diese Umkehr der Wahlresultate war für die Regierung ein enormer Schock, bestätigte sie doch eine Entwicklung, die sich seit längerem abzeichnet. Wenn man die Verteilung der 166 Sitze des Parlaments betrachtet, scheint für die Regierung nicht viel Hoffnung zu bestehen: Heute verfügt die NP über 91 Sitze, die CP über 41; vier Jahre zuvor hatte die NP noch 123, die CP nur 22 Sitze.

Jeder andere Parteichef würde sich angesichts dieser Entwicklung vermutlich dafür entschieden haben, dem Trend nachzugeben, also weiter nach rechts zu rücken und das Tempo der Reform zu verlangsamen. Nicht so de Klerk. Seine Entscheidung lautet: Wir müssen nach vorne durch, denn zurück wollen wir nicht, und stehenbleiben können wir nicht. Darum hat er kurzerhand ein Referendum anberaumt, und zwar auf den kommenden Sonntag, um den Demagogen, die gegen die Reformbewegung agitieren, möglichst wenig Spielraum zu lassen. Der Sinn dieser Volksbefragung ist es, die Mehrheit der Weißen hinter sich zu bringen, um dann gestärkt in die Verhandlungen mit dem ANC zu gehen. Sollten dagegen die Apartheid-Befürworter gewinnen, will er zurücktreten.

Das Risiko dieses Experiments ist groß. Die Weißen sind verstört, verärgert, verängstigt. Ihr Lebensstandard sinkt ständig; Armut und Arbeitslosigkeit plagen auch die Weißen. Eine verheerende Dürre vernichtet die Ernte und entmutigt die Farmer; seit die Paßgesetze aufgehoben wurden, drängen die Schwarzen zu Hunderttausenden in die Städte; Gewalt und Verbrechen nehmen von Woche zu Woche zu und haben ein unerträgliches Maß erreicht. Die Schulen der Weißen müssen erhebliche Kürzungen hinnehmen – vermutlich werden 4000 Lehrer entlassen, wird das Schulgeld um 300 Prozent erhöht.