Von Cornelia Filter

Im Haus der Frauen sitzen nur Männer.“ Die beiden Touristinnen mit den kurzen Henna-Haaren und den doppelten Frauenzeichen an silbernen Halskettchen sind wütend. Gerade seien sie angekommen, berichten sie. Wegen der Frauenkooperative seien sie eigens nach Petra auf Lesbos gereist, und sie seien als erstes in die Taverne gegangen, welche die Kooperative betreibe, zusammen mit ihrem Büro in einem Gebäude. „Aber der Schreibtisch war leer, und die Kneipe war voll. Vollgestopft mit Kerlen“, sagen die beiden.

Auch ich war überrascht, als ich tags zuvor in dem kleinen Restaurant, über dessen Eingang eine rosarote Meerjungfrau auf lila Wogen schaukelt, zehn Männer traf und eine Frau, die für sie kochte: die freundliche Marianthi. Hatte ich nicht zu Hause in einem Faltblatt der griechischen Zentrale für Fremdenverkehr gelesen, daß „die Frauen von Petra“, die „wie aus dem Meer geboren scheinen“ und sich in einer Touristikgenossenschaft zusammengeschlossen haben, ihre Gäste in einem „eigenen Empfangszimmer erwarten“ und sie dann „auf die Häuser des Dorfes verteilen“?

Auf mich wartet niemand am Tag meiner Ankunft, als ein Sturm die Wellen auf die Platia peitscht und die Gischt gegen die Scheiben der Taverne spritzt. Wo sind sie nur, die aus dem Meer Geborenen?

Ich frage nach dem Büro der Kooperative, und Stratos, der deutschsprechende Kellner, zeigt auf einen einsamen Schreibtisch in einer Ecke des überfüllten Lokals. Irini, die Sekretärin der Genossenschaft, sei nach Kaloni gefahren. Niemand könne sagen, wann mit ihrer Rückkehr zu rechnen sei; vielleicht heute, vielleicht morgen. „Aber ich habe ein Zimmer bestellt“, wende ich ein, „wo soll ich denn nun hin?“. Stratos zuckt die Achseln und setzt mich auf einen Stuhl mitten in eine fröhlich zechende Männerrunde.

Ich trinke Ouzo, ich trinke Wein, ich esse frischen Fisch, ich bekomme Nüsse, Granatäpfel und Oliven serviert und wieder Ouzo und wieder Wein. Drei Athener, die im Dorf der Frauen einen Männerurlaub machen, laden mich und alle anderen ein. Nach drei Stunden ist die Sekretärin Irini noch nicht aufgetaucht, und Marianthi – Köchin, Wirtin, Mutter von Stratos und vier weiteren erwachsenen Kindern – meint, daß ich genug getrunken habe. Deshalb nimmt sie meine Unterbringung kurzentschlossen selbst in die Hand.

Ich werde in ein Auto geladen und zu Vespina verfrachtet, in deren blumenumrankten Haus im Rande des Dorfes ich wohnen soll und die mich – kaum, daß ich ausgestiegen bin – an ihren mächtigen Kittelbusen drückt. Ich bin daheim.