Leipzig könnte die Boom Town des deutschen Ostens sein. Messestadt, Medienstadt, Bücherstadt, Universitätsstadt, Banken- und Dienstleistungszentrum, Industriestandort. Eine Stadt, die Investoren wegen des wirtschaftsfreundlichen Klimas und Immobilienhändler wegen der hilfreichen Verwaltung rühmen; eine Stadt, in der das große Geld darauf wartet, angelegt zu werden.

Aber: es wartet, das große Geld, weil es warten muß. Leipzigs Oberbürgermeister Hinrich Lehmann-Grube schaut leicht melancholisch drein, wenn er sagt: „In der Innenstadt sollte eigentlich ein Wald von Baukränen zu sehen sein.“ Eigentlich.

Die Investoren stehen Schlange, geradeso als läge das Rathaus nicht an einem Innenstadtring im Osten, sondern an Hamburgs Binnenalster oder auf dem Frankfurter Römerberg. Die Unternehmer, es sind Hunderte, wollen bauen: Hotels und Bürohäuser, Gewerbeparks, Wohnungen, Tankstellen, Supermärkte, Produktionsanlagen. Sie wollen, und sie dürfen nicht.

„Es könnte schon heute dreißig Großprojekte hier geben, und man müßte sich fragen, wie das Bauchaos zu bewältigen ist“, sagt Lehmann-Grube. Es könnte, und man müßte – der Boom existierte nicht bloß im Konjunktiv, gäbe es ein anderes Vermögensgesetz. Es ist für Leipzigs Oberbürgermeister die „größte gesetzgeberische Fehlleistung des Einigungsprozesses“, ein „riesiger Bremsklotz“, der die Menschen in Arbeitslosigkeit und Apathie verharren läßt.

Im Einigungsvertrag hat die Bundesregierung das Prinzip „Rückgabe vor Entschädigung“ durchgesetzt. Danach erhält sein Eigentum zurück, wer während des Dritten Reiches oder während der vierzigjährigen SED-Regentschaft im deutschen Osten enteignet oder zum Verkauf genötigt wurde. Die ostdeutschen Politiker warnten schon in den Einigungsverhandlungen vor diesem rigorosen Versuch, altes Unrecht ungeschehen zu machen. Sie wollten die Besitzverhältnisse nicht antasten, statt dessen aber alte Eigentümer entschädigen. In Bonn mußten sich die Ost-Politiker belehren lassen, das Prinzip „Entschädigung vor Rückgabe“ entspreche nicht dem Geist der West-Verfassung. Jetzt sind die Wirkungen dieser „bornierten Eigentumsideologie“ (Wolfgang Thierse) im Osten zu besichtigen: ökonomische Lähmung und menschliche Verzweiflung.

Beim Leipziger Amt zur Regelung offener Vermögensfragen türmen sich 24 186 Anträge, in denen 48 118 Rückgabeansprüche angemeldet werden. In 20 500 der Fälle geht es um Grundstücke, die sogenannte Alteigentümer beanspruchen. Auf manchen Grundstücken lasten wegen der verschiedenen Enteignungswellen bis zu neunzehn Ansprüche; eine Erbengemeinschaft kann schon mal 940 Mitglieder haben. Die Eigentumsverhältnisse sind so verzwickt und die gesetzlichen Bestimmungen so kompliziert, daß erst weniger als fünf Prozent der Anträge entschieden sind. „Wenn das Gesetz so bleibt“, prophezeit Amtsleiter Peter Lenz, „sind wir frühestens zur Jahrtausendwende durch.“