Südafrika am Scheideweg: Wird die zerrissene Gesellschaft je zum inneren Frieden finden

Von Bartholomäus Grill

Johannesburg, im März

Die Luft war still. Ein Mann näherte sich der Stadt. Er kam an dem alten Mühlrad vorbei, an umzäunten Gärten. Zwei Hunde rannten bellend hinter einem Zaun hin und her, gierig, ihn anzufallen. Der Bäcker, das Café, der Kleidershop, eine Bankfiliale, eine Schlosserei, die Scherengitter an den Läden: Prince Albert, ein schmuckes Städtchen irgendwo in der Kleinen Karoo.

So sah es Michael K., ein schwarzer Kaspar Hauser, der in J. M. Coetzees Roman rastlos durch Südafrika irrt, und so ist es noch heute: das verwitterte Mühlrad, geifernde Hunde, geschmirgelte Trottoirs, Scherengitter, Häuser im kapholländischen Stil, alabasterweiße Wände. Selbst das kleine Gefängnis ist so stilgetreu ins Stadtwesen eingepaßt, als diene es ausschließlich der Verschönerung.

Prince Albert, ein Ort aus einer anderen Zeit. Er wirkt wie eine Puppenstube des alten Südafrika – niedlich und friedlich. "Hier hat sich nichts verändert", sagt die Farbige Eva S., fügt aber, als fürchte sie, mißverstanden zu werden, schnell hinzu: "Es ist ruhig. Es gibt keine Gewalt." Sie arbeitet in einem hübschen Hotel, vierzehn Stunden täglich. Spätabends geht sie am Ortsschild vorbei in die Township hinaus. Das Getto der Farbigen ist von der Stadt der Weißen so säuberlich getrennt, wie es die Geometrie der Apartheid bisher vorschrieb.

Die Vorschriften und Gesetze, die das Wohnen und Arbeiten, das Lernen und Reisen, die Krankenhäuser und sogar die Friedhöfe streng nach Hautfarbe schieden, sind längst abgeschafft. Das hat sich auch in Prince Albert herumgesprochen, aber was will das im Alltag schon heißen? Pretoria ist weit weg, und diese verrückten Reformer mit ihrer kaffirboetie ("Negerliebe") muß man am Fuß der Schwarzen Berge nicht ernst nehmen.