Von Wolfgang Matz

Unbekannt ist Giuseppe Ungaretti auch hierzulande nicht geblieben. Vor allem durch die Übersetzungen von Ingeborg Bachmann und Paul Celan fand der 1970 mit 82 Jahren Gestorbene Eingang in den deutschen Sprachraum, ohne daß jedoch die Beachtung seinem Range wirklich entsprochen hätte: dem eines der größten Dichter des 20. Jahrhunderts. Den Übertragungen durch die berühmten Kollegen schlossen sich weitere, mehr oder weniger geglückte Versuche an, und wer sich die Mühe machte, all die verschiedenen Näherungen an dieses Werk nebeneinander zu lesen und miteinander zu vergleichen, der erkannte langsam so etwas wie den Umriß eines deutschen Ungaretti.

Mit der im Peter Kirchheim Verlag erscheinenden Werkausgabe "Ein Menschenleben" wird endlich der gesamte Ungaretti zum ersten Mal in deutscher Sprache vorgestellt, und nach den verschiedenen, bereits vom Konzept her sehr unterschiedlichen Verdeutschungen werden durch Michael von Killisch-Horns neue Übersetzung nun auch Kontinuität und Entwicklung in Ungarettis Poesie deutlich. Zum ersten Mal ist diese nun als das zu lesen, als was sie der Dichter selbst verstand: als lyrischer Ausdruck eines ganzen, langen Menschenlebens.

Die Übersetzung ist eine Überraschung. Was Michael von Killisch-Horn hier geleistet hat, das ist tatsächlich der deutsche Ungaretti. Immer wieder ist man zu sagen versucht – und auch gerade im Vergleich mit den berühmten Vorgängern – genauso mußte es gemacht werden; es mußte doch "einfach nur" der Bewegung des italienischen Originals gefolgt werden. Natürlich, das klingt viel einfacher, als es tatsächlich ist; doch immer wieder sind Verse und Strophen dieser Übertragung von einer solchen Evidenz, daß man sich eine andere überzeugende Möglichkeit daneben kaum noch vorstellen kann. Nirgendwo spürt man ein Suchen nach Originalität um jeden Preis, auch nicht das Bestreben, sich unbedingt von dem großen Vorbild Ingeborg Bachmann absetzen zu wollen. Dies rundum positive Urteil über Killisch-Horns Leistung kann auch durch den einen oder anderen Zweifel in Einzelfällen nicht getrübt werden, denn die Übersetzung von Lyrik zwingt immer zu Entscheidungen, bei denen eindeutige Antworten unmöglich sind.

Tatsächlich kommt einer Gesamtausgabe im Falle Ungarettis noch eine ganz besondere Bedeutung zu, die der Dichter selber dadurch deutlich machte, daß er ihr den poetischen Gesamttitel "Ein Menschenleben" gab. Die verschiedenen Stationen seines literarischen Weges sollten nichts anderes sein als die Stationen eines Lebenslaufs, die dichterische Kristallisierung von Jugend, Reife und Alter. Am klarsten tritt das in den frühen und in den späten Gedichten zutage, die den Kreis des Lebens eröffnen und schließen und in denen die Vergegenwärtigung von Aufbruch und von nahem Ende die unmittelbarste, persönlichste Form gefunden hat. "Dieses Buch ist ein Tagebuch", schrieb Ungaretti zu seinem ersten Band: "Der Autor hat kein anderes Ziel und glaubt, daß auch die großen Dichter kein anderes hatten, als eine eigene schöne Biographie zu hinterlassen."

Mit den Gedichten des Bandes "Die Freude" brach die Moderne in die klassizistisch und rhetorisch gewordene italienische Lyrik des Jahrhundertbeginns ein. Die in den Schützengräben entstandenen Gedichte gleichen selber Splittern, Fragmenten einer auseinandergebrochenen Einheit; sie sind die Reste jener lyrischen Formen, die der Gewalt der Wirklichkeit nicht mehr standhielten. Der junge Soldat Ungaretti schrieb buchstäblich um sein Leben, und die Atemlosigkeit seiner Verse entspricht dem seelischen und körperlichen Druck, unter dem sie entstanden: "Dort zwischen Tod und Toten war keine Zeit; daher kam die Notwendigkeit, sich mit ganz wenigen Worten auszudrücken und nur zu sagen, was wirklich nötig war."

Das Außergewöhnliche in Ungarettis Entwicklung ist darin begründet, daß er mit seinem, hauptsächlich von Celan übersetzten, Spätwerk wiederum zum fragmentarischen Charakter der frühen Gedichte zurückkehrte. Obwohl dieses Spätwerk keinerlei Nachlassen der lyrischen Kraft erkennen läßt, wird man darin auch ein Element des Scheiterns seiner Poetik sehen müssen: Der Versuch, im 20. Jahrhundert noch so etwas wie ein "Lebenswerk" zu schaffen, mit allem, was an Geschlossenheit, Gerichtetheit, an Vollendung in diesem Begriff liegt, mißlingt angesichts der Erfahrung des Abbrechens und Zerbrechens, des nicht Abschließbaren und Unvollendeten der Existenz. Ungarettis späte Lyrik wurde deshalb zum Höhepunkt seines Werkes, weil er diese Erfahrung des Scheiterns nicht für die Geschlossenheit seines Œuvres opferte; der alte Ungaretti machte sich noch einmal auf den Weg, den der junge begonnen hatte, und er scheute sich nicht zu bekennen, daß der Gedanke des vollendeten "Menschenlebens", der "eigenen schönen Biographie" eine Illusion gewesen war.