Seit fast fünfzig Jahren schreibt Marguerite Duras an einem Buch. Jährlich erscheint eine Art Kapitel, das zu ihrem nie abreißenden Familienroman gehört. Die Filmindustrie nahm es ihr oft ab. „Heiße Küste“ (mit Anthony Perkins verfilmt), „Der Matrose von Gibraltar“ (mit Jeanne Moreau), „Ganze Tage in den Bäumen“ (mit Madeleine Renaud und Jean-Pierre Aumont) und „India Song“ (mit Delphine Seyrig) beschworen die Jugend der Autorin in der französischen Kolonie Cochinchina (Vietnam). Eine Zeitlang überließ Marguerite Duras ihre Stoffe anderen. Dann wurde sie selber Regisseurin und machte den Exotismus der anderen zu ihrer spröden Sache.

Ob als Buch, Film oder Theaterstück, die Vielfachauswertung des nicht zu Ende erzählbaren Familienromans gehört zum Bild der literarischen Person wie der berühmte Rollkragenpullover unter der Lederweste. Früher war ihr Werk von Schauplätzen der Ferne bestimmt, heute lebt es von Stimmen und einem unbestimmbaren Ort der Nähe. Die Kolportage wurde abgelöst vom Raunen, die Üppigkeit des Stils vom Lakonismus. Ganz spät wurde aus dem komplizierten Schreiben ein scheinbar leichtes Sprechen. Diese Stimme will, daß man ihr zuhört. Es ist unmöglich, von dem Duras-Ton der rücksichtslosen Rauhheit nicht angesprochen zu werden. Der Roman „Der Liebhaber“ (1984) wurde in 43 Sprachen übersetzt und in zwei Millionen Exemplaren verkauft. Jean-Jacques Annauds Verfilmung wurde in 43 Millionen Mark Produktionskosten übersetzt und in zwei Sprachen gedreht: Englisch und Chinesisch.

Brüchig und schwerelos klingt die Stimme von Jeanne Moreau in „Der Liebhaber“. Eine ältere Frau leiht sie dem Text fremder Erinnerungen. Eine Hand schreibt zum Vorspann, fiebernd. Aus Jugendphotos ersteht ein Jungmädchengesicht, aus der Beschreibung ein Schauplatz, die Fähre über den Mekong-Fluß. Mächtig rauscht das Wasser, stark rollt die Musik. Eine Schülerin (Jane March, ein englisches Model ohne Filmerfahrung) aus verarmter Lehrerfamilie in der Kolonie, fährt nach Saigon ins Internat. Sie steht wartend an der Reling. In einer Suchfahrt entdeckt die Kamera die mit Straß besetzten, doch abgerissenen Schuhe, das seidene, doch am Ausschnitt ärmlich gestopfte Kleid, die artigen, doch nur durch ein Schuhband beschleiften Zöpfe. Die ins Weite Schauende trägt einen Männerhut. Darunter vibriert sie mit Aufbruch in ein Frauenleben.

Auf die Fähre rumpelt eine schwarze Limousine. Im Fond ein hartes männliches Profil, durch vielfache Sichtfilter dem Anblick noch entrückt. öffnet sich der Schlag, durch den livrierten Chauffeur aufgerissen, steigen (in Nahaufnahme) englische Schuhe unter einem makellosen Seidenanzug aus, getragen von einem Chinesen (Tony Leung, bekannt aus Tsui Harks Hongkong-Filmen). Gleich wird der zur Reklame seiner selbst versteinerte Mann einem goldenen Etui eine (Filter!-) Zigarette entnehmen und sich formvollendet dem jungen Mädchen, dessen karger Charme und unbestrumpfte Beine ihn so fesseln, nähern. Die Luxusphantasie vom arbeitslosen Reichen und der abgerissenen Göre, vom Leiden am Überfluß wie auch am Mangel, beginnt.

Was sich dieser Mann, der kein Draufgänger ist, an Skrupeln leistet, eine Jungfrau zu verführen, das leistet sich die junge Wilde an Unverfrorenheit, aus dem begehrten Mann sich einen Liebhaber zu formen. Die Junggesellenwohnung im chinesischen Viertel ist schäbig, doch neutral genug für das gefilterte Licht, um die Vermengung von weißer mit gelber Haut in ein glänzendes Gold zu tauchen. Draußen herrscht Lärm, drinnen Leidenschaft. Zwei Körper arbeiten sich mit olympischer Ausdauer zu einer Heavy-Metal-Musik ab.

Ganze Tage in den Betten. Doch schon beim nächsten Treff gleiten diese Liebhaber der selbstverliebten Stummheit auf den Boden. Beim Essen am Fluß wird die duldende Großzügigkeit des Chinesen sichtbar. Das Mädchen hat das Kleid mit der häßlichen Stopfnarbe abgelegt und trägt ein neues. Man redet zwanglos über chinesische Hochzeitsriten. Denn die Liebe ist ein Pakt auf Zeit. Es gibt schließlich Pflichten den Familien gegenüber.

Der nächste Akt muß ein Erdbeben im Schneideraum überstanden haben. Jetzt reißt die Heftigkeit schon Körperteile auseinander. Im dramatischen Schnitt verroht die Liebe. Es kommt nicht mehr zu Zärtlichkeiten, sondern zur Vergewaltigung der Frau durch den Mann und zur Erpressung des Mannes durch die Frau. Die Entfremdung wird mit Geld geregelt. Er muß, wie erwartet, eine Chinesin heiraten und leidet sehr. Sie wird das Opfer des Rassismus ihrer Kleinfamilie und leidet weniger. Im verlassenen Liebesnest gießt sie die Pflanzen und zieht die Laken vom Bett, bevor die verstörte Mutter sie zum Studium nach Frankreich schickt. Lautloser Abschied am Hafen: ein schwarzer Dampfer (sie) und eine schwarze Limousine (er) entfernen sich voneinander. Der Pazifik gerät zwischen sie. Der Rest ist eine Rauchfahne. Gnädig senkt sie sich über diese leidenschaftslose Affäre einer Nymphe und eines Phantoms.