Die Zahl ihrer Liebhaber: 2017. Das ist mehr als Don Giovanni mal zwei. Jetzt leidet sie unter Arthrose, stakst gichtig am Strand entlang, erpreßt Industrielle und entvendet das Diadem des Maharadschas: Jeanne Moreau als Lady M., Königin der Gruner, Diva mit welker Haut. "Ich stinke nach Alter", sagt sie, legt das Hühnerbein beiseite, an dem sie gerade kaut, faltet die runzligen Hände und betet zu Gott: um junges Fleisch.

Allein ihr Mund: Müde ist er und immer noch gierig. "Genug‘, sagt sie, "ist ein Begriff für Rentner." Wenn sie verachtet, zieht sie die Mundwinkel spöttisch nach unten. Oder sie formt einen Kußmund, leckt sich die Lippen, zeichnet Grübchen auf ihre Wangen, grinst ganz breit oder lächelt verschämt, als sei es das erste Mal. Moreau, die Schlampe. Moreau, die Schöne. Moreau, das Mädchen: Einmal betrachtet sie Jugendphotos, Jeanne mit 17, mit 23, mit 42, lacht ein Kinderlachen, gibt sich mondän, dann nachdenklich. Und plötzlich zerfällt ihr Gesicht, hohle Wangen, ein Zittern, aschfahl. Der leere Blick, das Sterben, eine Sekunde nur. Der Drehbuchautor Jean-Claude Carrière hat in Jeanne Moreaus Gesicht einmal "die Spuren der Müdigkeit nach der Liebe" entdeckt, "eine seltene Mischung aus Autorität und Sinnlichkeit". In Laurent Heynemanns Greisenkomödie mit Jeanne Moreau als "Die Dame, die im Meer spazierte" kann man sehen, wie diese Spuren erlöschen.

Der Rest ist Lärm. Noch hat Lady M. zwei Männer zur Seite, den alten Pompilius (Michel Serrault), ihren Komplizen beim Diamantenklau, und den jungen Lambert (Luc Thuillier), Bademeister und Gigolo. Moreau und Serrault beschimpfen einander als "Karnevalsnutte" und "Schlappschwanz mit Bügelfalten": Die Erotik, die sie unentwegt einklagen, erscheint nur noch in der Zote. Mag sein, daß die Kombination von Würde des Alters und obszöner Wortwahl im französischen Original eine pikante Mischung ergibt, im Deutschen bleibt es ein plumper Kraftakt. Auch die letzte Liebesgeschichte der Lady M., ihre Liaison mit Lambert, findet nicht statt, ihr Gebet um junges Fleisch bleibt merken, Denn die Liebe, die körperliche, will dieser Film uns weismachen, ist den Jungen vorbehalten: denen mit glatter Haut, straffen Muskeln und kräftigen Knochen. Mon Dieu, welch eine Lüge Christiane Peitz