Reutlingen

Fremder, kommst du nach Schwaben, pfeifen dir die Revolverkugeln um die Ohren. „SDR 3 – Radio für den Wilden Süden“, tönt die markige Stimme aus dem Autolautsprecher. Noch staunst du, Fremder, doch warte, bis du im Wilden Süden vor dem Richter stehst und der Hilfssheriff die Handschellen zückt.

Die Fremden, das sind drei junge Türken. Weil sie mit ihrem Kneipenwirt Siebzehnundvier gespielt haben sollen, um Geld, versteht sich, sind sie als Zeugen vor das Reutlinger Amtsgericht geladen.

Angeklagt ist der Wirt, weil er in seinem Lokal unerlaubtes Glücksspiel betrieben habe. Außerdem soll er zwei der Zeugen zu einer Falschaussage genötigt haben: Sie sollten behaupten, sie hätten das Kartenspiel ohne ihn gemacht.

Außer den drei türkischen gibt es noch einen deutschen Zeugen, einen Polizisten, der Licht in das Dunkel bringen soll: An jenem Nachmittag habe ein Anrufer ihn und einen Kollegen in die Kneipe gerufen. „Wir haben dem Spiel zehn Minuten inkognito zugeschaut und uns dann als Polizisten zu erkennen gegeben.“ Im folgenden Tohuwabohu sei ihnen „der Wirt abhanden gekommen“, sagt der Polizist. Geschnappt wurden nur die drei Türken. Die Verfahren gegen sie wegen unerlaubten Glücksspiels wurden jedoch wieder eingestellt, ehe es zur Verhandlung gegen den nun wieder vorhandenen Wirt kam.

„Das bedeutet, daß Sie hier jetzt aussagen müssen“, belehrt der Reutlinger Amtsrichter Jürgen Dubbers die drei nacheinander im Zeugenstand. Sie nicken, keiner verweigert die Aussage. Der erste sagt, er sei zwar bei dem Glücksspiel dabeigewesen, aber er wisse einfach nicht mehr, wer sonst noch. Da droht der Amtsrichter, er werde den Zeugen festnehmen und bis zu sechs Monate einsperren lassen, wenn er nicht die Wahrheit sage. Zur Verblüffung der Anwesenden läßt der Richter den Türken in Handschellen abführen und in Beugehaft stecken.

Nicht besser ergeht es dem zweiten Zeugen. Er sagt aus, so besoffen gewesen zu sein, daß auch er nicht mehr wisse, wer außer ihm selbst in der Wirtschaft gewesen war. Und so heißt es auch für ihn: ab in die Zelle. Dort landet ebenfalls der dritte Zeuge, der lediglich am Rande des Tisches gesessen und niemanden erkannt haben will.