Von Heinz Blüthmann

Den Topjob beim größten Autohersteller in Europa hatte er schon lange fest im Visier. Ferdinand Piëch, Enkel des Techniker-Denkmals und VW-Käfer-Konstrukteurs Ferdinand Porsche, verspürt sogar eine Art natürlichen Anspruch darauf, die Nummer eins des Volkswagen-Konzerns in Wolfsburg zu werden. Doch damit allein war es nicht zu schaffen. Wie immer in seiner zielstrebigen Karriere spielte der 54jährige deshalb "Alles oder Nichts" – und gewann.

Ferdinand Piëch, der seit 1988 die VW-Tochter Audi leitet, mochte nicht mehr solange warten, bis Ende 1993 der um zwei Jahre über die Pensionsgrenze hinaus verlängerte Vertrag des amtierenden VW-Chefs Carl H. Hahn auslaufen sollte. Piechs Chancen, seinen Förderer in knapp zwei Jahren zu beerben, standen zwar gut. Aber das war dem ehrgeizigen Techniker und Autofan, der sich immer noch im Schatten seines genialen Großvaters fühlt, zu bequem.

Im Herbst vergangenen Jahres witterte der Audi-Chef seine Chance, wieder einmal einen Machtkampf siegreich zu bestehen und Hahn bereits früher zu verdrängen. Der Konzern-Vorstandsvorsitzende kam nämlich zusehends in einen peinlichen Erklärungsnotstand: Die Ertragslage verschlechterte sich rapide, obwohl die Autokonjunktur heißlief. Der Gewinn vor Steuern, so stellte sich mittlerweile heraus, rutschte von 2,4 Milliarden Mark im Jahr 1990 auf nur noch 1,8 Milliarden Mark im vergangenen Jahr. Hahn hatte keine Antwort auf die entscheidende Frage der Aufsichtsräte: "Wenn VW selbst in nie zuvor erlebten Boomzeiten wie 1991 über bescheidene Gewinne nicht hinauskommt, wie soll der Konzern dann in Zeiten von Absatzeinbußen über Wasser gehalten werden?"

Weil niemand in der Branche daran zweifelt, daß der Autoboom auch wieder abflaut, machte das böse Wort von der Zeitbombe in Wolfsburg die Runde. In dieser Situation – Ende November vergangenen Jahres – reiste der komplette Aufsichtsrat des Konzerns zusammen mit dem Vorstand zu einer schon länger geplanten Präsentation der Tochter Audi nach Ingolstadt. Piëch nutzte die Gunst der Stunde und verkaufte sich und das Unternehmen so gut, daß die meisten Konzernaufseher beeindruckt nach Hause fuhren. Vor allem aber konnte er mit steigenden Gewinnen glänzen; Piëch erwirtschaftet eine doppelt so hohe Umsatzrendite wie der Konzern, zu dem vier Marken (VW, Audi, Seat und Skoda) gehören.

Danach drängte Aufsichtsrats-Chef Klaus Liesen zur Eile. Widerstand leisteten nur noch Arbeitnehmervertreter. Viele von ihnen favorisierten Daniel Goeudevert. Der Franzose mit dem Querdenker-Etikett, früher an der Spitze von Ford Deutschland und derzeit im Konzern für die Marke VW zuständig, galt seit seinem Eintritt 1989 als der kommende Mann. Seine flotten Sprüche gegen den herrschenden Autowahn imponierten, seine freundlichen Besuche bei den in Wolfsburg traditionell mächtigen Betriebsräten schmeichelten – doch schließlich war das alles nicht genug. Am vergangenen Wochenende einigten sich auch die Gewerkschafter auf Piëch, der dezent durchblicken ließ, daß er später nicht mehr zur Verfügung stünde. Das wirkte.

Wenn der VW-Aufsichtsrat am 10. April im dritten Stock der Konzernzentrale am Wolfsburger Stammsitz tagt, ist die einstimmige Entscheidung für Piëch deshalb nur noch Formsache. Ebenso fest steht: Goeudevert wird sein Stellvertreter. Hahn tritt spätestens zum Jahresende zurück.