Von Ilma Rakusa

Eine solche Anthologie hat es noch nie gegeben. Keine Vergleiche drängen sich auf. Als Maßstab gilt nur der selbst gesetzte. Gedichte der osteuropäischen Avantgarde von 1910 bis 1930, wobei Osteuropa den Raum vom Baltikum bis zum Balkan, von Finnland bis Bulgarien meint, ohne Berücksichtigung von Rußland, Weißrußland und der Ukraine. Denn es geht, grosso modo, um kleine, um wenig bekannte Literaturen. Und es geht nicht zuletzt darum, unter diesen Literaturen Korrespondenzen aufzuzeigen. So lautet das ehrgeizige Projekt des Herausgebers Manfred Peter Hein. Vierzehn Literaturen, siebenundsiebzig Autoren, hundertzwölf Gedichte (immer auch in der Originalsprache abgedruckt) – hinter solchen Zahlen steckt jahrelange Sammel- und Übersetzungsarbeit.

Hein startete 1981 mit einem „Trajekt“ genannten Jahrbuch zur finnischen, lappischen und estnischen Literatur, die Anthologie entwickelte sich sukzessiv. Mitarbeiter und Übersetzer wurden beigezogen, doch hat Hein erstaunlich viel selber übertragen oder aufgrund von Interlinearversionen nachgedichtet. Schon beim ersten Lesen fällt das hohe Niveau der Übersetzungen auf: Frische, Sprachwitz, Rhythmus. Etwas Elektrisierendes geht von den Texten aus, und jeder Verdacht, hier sei Zweitrangiges aus der literarischen Mottenkiste hervorgeholt worden, verfliegt.

Noch nie etwas von Henry Parland gehört? Ich gestehe, auch mir war der Name neu. Henry Parland, geboren 1908 in Wiborg, gestorben 1930 in Kaunas; studierte Jura in Helsinki, arbeitete am Schwedischen Konsulat in Kaunas. Zu Lebzeiten erschien ein einziger Lyrikband: „Ausverkauf der Ideale“, in finnlandschwedischer Sprache. Mit neunzehn schrieb Parland das Gedicht:

Warum

nach Vernunft fragen?

Die Vernunft