Immer ran an ’n Sarch un feste mitjeweent! Die saloppe Ermunterung scheuer Menschen, sich vor den Lästigkeiten des Daseins nicht zu drücken, ist gegen 1945 entstanden, zu Zeiten also, da man dem Elend all der Toten und der Trümmer nur mit Sarkasmus trotzen konnte. Inzwischen unterbleibt das Mitweinen am Sarg immer öfter, doch weniger aus Scheu vor den Tränen denn aus Teilnahmslosigkeit und Geiz. Und seit das staatliche Sterbegeld um zwei Drittel oder ganz gestrichen worden ist, steht es um die Bestattungskultur noch ein bißchen schlechter als bisher, um alles das, was aus dem Tod ein menschliches Ereignis macht, etwas anderes also, als der perfide Gebrauch des Wortes Entsorgung meint.

Jede Zeit“, schrieb Ingo P. Flothen in der Zeitschrift form, „flieht den Tod, so gut sie kann“, die unsere tut es mehr als je. Wen wundert’s also, daß es „nicht nur in der zeitgenössischen bildenden Kunst, auch im modernen Design ... kaum eine Ikonographie des Todes gibt“. Der Besuch in einem x-beliebigen Bestattungsinstitut ist schon deshalb deprimierend, weil man allüberall dem gleichen muffigen, ondulierten Neobarock in Braun begegnet, in Kiefer, Nußbaum, Mahagoni, Eiche, die unten und oben sich verjüngende „Kuppel“ ab 800 Mark, die kastenförmige „Truhe“ zu 3500 oder weit über 10 000 Mark. Mit diesem schwülstigen Luxus braucht man sich nicht aufzuhalten. Ebensowenig mit einer amerikanischen „Mogelpackung“, einem Prunksarg mit einer Bodenklappe, die den Toten in eine Fichtenkiste im Grab entläßt.

Bedrückender ist, daß der vom allergewöhnlichsten Historismus geprägte Typ sich bis in unsere Tage geschleppt hat. Nur ausnahmsweise ist der Sarg ein zeitgenössisches Gestaltungsthema. Der Bauhauskünstler Lothar Schreyer erzählt in seinen Erinnerungen von dem Totenhaus, das er stets in seinem Arbeitszimmer hatte. „Und da man mit sich selber anfangen müsse, baute ich in unserer jungen Ehe das erste Totenhaus für meine Frau und das zweite für mich“, jedes ein großer schmaler Schrein, der ein ultramarinblau, der andere weiß, beide sollten bemalt sein. Ein Jahrzehnt später entwarf der russische Konstruktivist Suetin einen suprematistischen Sarg für Malewitsch.

Die Gegenwart tut sich genauso schwer. Zwar entwickelten Künstler in den sechziger Jahren klar geformte, schnörkellose Särge, doch die Produktion war rasch beendet: die deutschen Bestatter verweigerten sich beim Neuen. Warum sollten sie dafür auch werben, da ihr Geschäft von selber läuft – unter einer Staubwolke von Seriosität und Banausentum. Selbst der berühmte Architekt Egon Eiermann, der den „abscheulichen Pomp“ nicht mehr ertragen wollte, scheiterte mit der wunderbaren Einfachheit seiner Särge. Der einzige, der darin beerdigt wurde, war 1970 er selbst.

Später regte das „Kuratorium Deutsche Bestattungskultur“ die Offenbacher Design-Hochschule an, den Sarg zum Diplomthema zu machen. In dieser ersprießlichen Unternehmung entstanden unter anderem ein „Schlichtsarg“ (bei dem Kasten und Deckel diagonal voneinander getrennt sind), ein indischen Assoziationen folgender „Scheiterhaufensarg“ (mit einem Holzgestell, das innen mit weißem Japanpapier bespannt ist) sowie ein „Origamisarg“. Letzterer besteht aus einem einzigen Stück gefalteter schneeweißer Pappe – und ist damit einem Sarg verwandt, der dem Hambur-Industriedesigner Tile Geismar eingefallen ist: gefaltet aus wiederverwertetem, sich biologisch abbauendem Altpapier. Man kann ihn bemalen und schmücken.

Damit wäre die eine Frage, ob Särge immer braun sein müssen, beantwortet, die andere, ob sie alle gleich aussehen müssen, ist es längst. Wie Carl Philip Moriz in seinen englischen Reisenotizen mitteilt, waren die Särge dort „sehr ökonomisch gerade nach dem Zuschnitt des Körpers eingerichtet..., ohngefähr wie ein Violinkasten“.