Von Claudia Gorille

So eine Schweinerei“, schimpft Marte Busse. Der ansonsten ruhigen und besonnenen Frau treibt der Zorn rote Flecken auf die Wangen. „Da hat gestern wieder ein Motorradrennen mitten in der Crau stattgefunden. Eben hat mir das ein Schäfer erzählt.“ Aufgeregt blättert sie in der Zeitung, doch das Ereignis ist mit keiner Zeile erwähnt. Auch hatte in St. Martin-de-Crau kein einziges Plakat auf das Spektakel hingewiesen. Lieber weniger Zuschauer als gar keine, dachten sich wohl die Veranstalter, denn die engagierten Naturschützer der Region hätten mit Sicherheit alle Hebel in Bewegung gesetzt, die heißen Ofen kalt bleiben zu lassen.

Die Crau ist eine Ebene, bis an den Horizont bedeckt mit kieselrunden gelblichen Steinen, murmel- bis fußballgroß. „Campus lapideus“, Steinfeld, nannten es die Römer. Kein Baum, kein Strauch, kaum Grün. Im Süden Frankreichs, zwischen Arles und Salon, im Herzen der Provence, liegt diese für Europa einzigartige Landschaft. Eine karge Einöde, über die ständig der Wind streicht. Entweder ist es der Mistral, der am Rande der Alpillen Anlauf nimmt und mit voller Kraft ungebremst über das flache Land fegt, oder es weht eine liebliche Brise vom Mittelmeer herauf. Bei flüchtiger Betrachtung gibt es hier nichts zu entdecken. Und doch steht diese Landschaft an zweiter Stelle auf der „Liste der europäischen bedeutsamen Biotope der Europäischen Gemeinschaft“. Trotzdem ist bislang nur ein kleiner Teil der Crau als Naturschutzgebiet ausgewiesen und ihre Existenz mehr als gefährdet – nicht nur durch Motorradrennen.

Unter den Ornithologen hat sich dieser nichtssagende, weiße Fleck auf der Landkarte schon lange herumgesprochen. Mit Ferngläsern, schweren Spektiven und Kameras behängte Gestalten fallen besonders im Frühling und Herbst zusammen mit Tausenden von nord- und mitteleuropäischen Zugvögeln ein. Sie finden in der Crau vor und nach dem kräftezehrenden Flug über das Mittelmeer einen Rastplatz.

Seit 1987 englische, deutsche und Schweizer Umweltverbände zu Spenden für das bedrohte Gebiet aufriefen, hat die Zahl der Crau-Liebhaber „erschreckend“ zugenommen, wie Naturschützer urteilen. Damals wurde gesammelt, um rund 150 Hektar Steppenfläche für den Naturschutz zu kaufen. Sie kostete 3,8 Millionen Franc. Immerhin bezahlte die EG etwa zwei Drittel dieser Summe, den Rest aber mußten die vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) gegründete Stiftung Europäisches Naturerbe (SEN) und der französische Partner Conservatoire d’etudes des ecosystemes de Provence (CEEP) aufbringen. In Umweltzeitschriften warben sie um Unterstützung, und die Spender bekamen eine symbolische Besitzurkunde: Für fünfzig Mark wurde man „Eigentümer“ über fünfzig Quadratmeter Crau. „Jetzt kommen sehr oft Leute mit ihren Urkunden hierher und wollen ihren Crau-Teil sehen“, erzählt Marte Busse.

Seit Sommer 1987 leitet die Deutsche das Ecomusee, ein Informationszentrum in St. Martin-de-Crau im Auftrag der Gemeinde und der Stiftung Europäisches Naturerbe. Ein ehemaliger Schafstall dient jezt als Heimat- und Naturhistorisches Museum mit Schautafeln, ausgestopften Tieren und landwirtschaftlichen Geräten. Im vergangenen Jahr traten 9000 Besucher durch die Scheunentür, für 1991 rechnet Frau Busse mit weit mehr als tausend.

Nur wenige nehmen das Angebot einer Führung durch die Crau unter fachkundiger Anleitung an. Die meisten Natursuchenden gehen auf eigene Faust auf die Pirsch. Besonders die Rötelfalken haben es den Raritätensammlern angetan. Sind die Domizile der scheuen Jäger ausgemacht, kennen die Hobbyphotographen kein Pardon. Da wird in den Ställen, ohne zu fragen, übernachtet und möglichst dicht beim Nest der Falken die Kamera installiert. Und weil es so schön idyllisch aussieht, wird auch gleich der Schäfer in seinem spartanischen Quartier für das Familienalbum abgelichtet. „Gerade von den Ornis hätte ich eine gewisse Sensibilität erwartet“, seufzt Marte Busse, „aber das sind die schlimmsten.“ Oft stürmen genervte Schäfer auf sie zu und schimpfen: „Die Naturschützer haben uns das eingebrockt, sorgen Sie dafür, daß die Touristen im Zaum gehalten werden.“