Was bedeutet "Aufarbeitung der Vergangenheit" heute?

Von Jürgen Habermas

I.

Adorno hat im Jahre 1959 unter dem Titel: "Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit?" einen berühmt gewordenen Vortrag gehalten. Seitdem hat sich dieser Terminus bei uns durchgesetzt. Freud hatte von "Durcharbeiten" und "Bewußtmachen" gesprochen. Aus dieser psychoanalytisch aufgeklärten Perspektive behandelte auch Adorno die heute wiederum aktuell gewordene Frage, "wie weit es geraten sei, bei Versuchen zu öffentlicher Aufklärung aufs Vergangene einzugehen, und ob nicht gerade die Insistenz darauf trotzigen Widerstand und das Gegenteil dessen bewirke, was sie bewirken soll". Adorno meinte damals, "das Bewußte könne niemals so viel Verhängnis mit sich führen wie das Unbewußte, das Halb- und Vorbewußte. Es kommt wesentlich darauf an, in welcher Weise das Vergangene vergegenwärtigt wird; ob man beim bloßen Vorwurf stehen bleibt oder dem Entsetzen standhält durch die Kraft, selbst das Unbegreifliche noch zu begreifen ... Was immer propagandistisch geschieht, bleibt zweideutig." Adornos Antwort ist ambivalent. Einerseits beharrt er auf der schonungslosen Reflexion einer kränkenden Vergangenheit, die uns mit einem anderen Selbst konfrontiert als dem, das wir zu sein glauben und sein möchten. Auf der anderen Seite kann diese Reflexion nur dann heilen, wenn sie nicht von außen als Waffe gegen uns eingesetzt wird, sondern von innen als Selbstreflexion wirksam wird: "Was propagandistisch geschieht, bleibt zweideutig." Diese dialektische Antwort nennt Maßstäbe für die Beurteilung der gegenwärtigen Diskussion.

Adornos Bekenntnis zur Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit verrät keineswegs blauäugiges Vertrauen in die Dynamik des Bewußtmachens, sondern nur die Einsicht, daß es heute, unter Bedingungen nachmetaphysischen Denkens, keine Alternative mehr gibt zur Selbstreflexion, wenn es um Fragen der Selbstverständigung geht. Der Pluralismus gleichberechtigter Lebensformen, die ihrerseits Raum lassen für individualisierte Lebensentwürfe, verbietet die Orientierung an feststehenden und für alle maßgeblichen Modellen. Aristoteles hatte noch die Polis als verbindliche Lebensweise auszeichnen können, nach der sich das Ethos der Menschen richten sollte. Aber heute kann sich das Gelingen oder Verfehlen des eigenen Lebens nicht mehr an exemplarischen Inhalten bemessen, sondern nur noch an formalen Gesichtspunkt der Authentizität. Nicht zufällig haben Kierkegaards Existenzphilosophie und Freuds Psychoanalyse die Nachfolge der metaphysisch und religiös begründeten Ethiken angetreten. Jeder muß auf andere Weise er selbst sein. Wie das möglich ist, muß er herausfinden, indem er prüft, wer er ist und sein möchte. Kierkegaards Analyse des Selbstseinkönnens kehrt den Aspekt der Verzeitlichung hervor, Freuds Analyse unbewußter Motive den der Aufklärung. Eine kohärente und wahrhaftige Selbstdeutung soll uns dadurch gelingen können, daß wir uns die eigene Lebensgeschichte kritisch aneignen und verantwortlich übernehmen. Das verlangt auch die Kritik von Selbsttäuschungen, mit denen wir moralisch anstößige Wünsche und Verhaltensweisen vor uns selbst verbergen. Denn das Ich-Ideal muß in Einklang stehen mit der Moral. Der Lebensentwurf und das Bild der Person, als die wir anerkannt werden möchten, dürfen nicht gegen Verhaltenserwartungen verstoßen, die im gleichmäßigen Interesse aller liegen. Deshalb verschränken sich in dieser speziellen Selbsterfahrung moralische Bewertungen mit einem veränderten ethischen Selbstverständnis.

Solche Probleme stellen sich freilich nicht nur aus der Perspektive der 1. Person Singular, aus der wir uns über unsere je eigene Existenz aufzuklären versuchen; sie stellen sich auch in Zusammenhängen einer ethisch-politischen Selbstverständigung, die wir als Bürger eines Gemeinwesens aus der Perspektive der 1. Person Plural vornehmen – vor allem dann, wenn dieses Gemeinwesen mit einer politisch kriminellen Vergangenheit belastet ist. Die unvoreingenommene historische Erforschung der Tatsachen und der Ursachen einer fehlgeschlagenen politischen Entwicklung ist eines; ein anderes ist die kritische Aufarbeitung der eigenen Geschichte aus der Sicht der in sie verstrickten Generationen. Aus der Sicht von Beteiligten geht es um Identitätsfragen, um die Artikulation eines aufrichtigen kollektiven Selbstverständnisses, das gleichzeitig Maßstäben politischer Gerechtigkeit genügt und die tieferen Aspirationen einer durch ihre Geschichte geprägten politischen Gemeinschaft zum Ausdruck bringt. Je weniger Gleichberechtigung und menschenwürdige Gemeinsamkeit ein repressiver Lebenszusammenhang im Inneren einmal gewährt, je mehr er sich zuvor nach außen durch Usurpation und Zerstörung fremden Lebens erhalten hatte, um so fragwürdiger ist die Kontinuität jener Überlieferungen geworden, welche die Identität des Gemeinwesens bestimmen, um so größer die ererbte Bürge einer gewissenhaft sondierenden Aneignung dieser Traditionen. Nun stehen Überlieferungen keinem einzelnen zur Disposition, sondern sind gemeinsamer Besitz. Deshalb lassen sie sich in bewußter Weise auch nur im Medium des öffentlichen Streits um die jeweils richtige Interpretation verändern.

Die öffentlich ausgetragene ethisch-politische Selbstverständigung ist die zentrale, wenngleich nur eine Dimension dessen, was Adorno "Aufarbeitung der Vergangenheit" genannt hat. Sie mag sich in Kanäle von Publizistik und Massenmedien, von Volks- und Schulpädagogik, von wissenschaftlichen und literarischer Öffentlichkeit, von Bürgerforen und staatlichen Enquetekommissionen verzweigen. Aber sie darf nicht verwechselt werden mit der existentiellen Aufarbeitung persönlicher Schuld und der juristischen Verfolgung strafbarer Handlungen. Schuld im moralischen wie im rechtlichen Sinne wird einzelnen Personen zugerechnet, während die Bürger eines politischen Gemeinwesens für die darin praktizierten oder gar legalisierten Verletzungen menschlicher Würde "haften". Gewiß gehört zu den mentalitätsbildenden Effekten einer rechtsstaatlichen Praxis auch die Erfahrung, daß der demokratische Staat den einzelnen Bürgern ein postkonventionelles moralisches Bewußtsein zumutet. Gewiß kann die Gesamtheit der Bürger den einzelnen ein mehr oder weniger großes Maß an Selbstprüfung ansinnen und beschließen, die Mittel des Strafrechts mehr oder weniger weit auszuschöpfen. Aber in den öffentlich geführten Diskursen jenseits der Strafjustiz dürfen sich die Beteiligten nur auf Fragen einlassen, die aus der Perspektive der 1. Person Plural auch beantwortet werden können. Das sind Fragen der politischen Gerechtigkeit und solche der kollektiven Identität, auch ein unter diesen normativen Gesichtspunkten gebotener Wechsel der Eliten. Soweit es nicht um die Besetzung öffentlicher Ämter geht, dürfen die Handlungen und Schicksale einzelner Personen in diesem Zusammenhang nur den exemplarischen Sinn haben, typische Verstrickungen zu illustrieren. Auch die in der Öffentlichkeit ad personam erhobenen moralischen Vorwürfe müssen auf die Herstellung politisch gerechter Verhältnisse bezogen bleiben; sie zielen nicht auf die existentielle Selbstverständigung des einzelnen und sind erst recht kein Substitut für Gerichtsurteile, die allein das Ergebnis eines nach der Strafprozeßordnung ablaufenden Verfahrens sein können.