Dem Nicht-Schalker muß der Vorgang kurz erklärt werden. Zweimal im Monat finden sich etwa 50 000 Freunde des FC Schalke 04 zu den Heimspielen des Vereins in der Fußballbundesliga ein. Und wenn die Mannsciaft einen besonders gelungenen Angriff zelebriert, ertönt aus der Nordkurve, Block 4, ein Trompetensolo, das sich voll von süßem Verlangen und doch fordernd über die Szene legt: „Dadi, dadi, dadididididi“. Kaum ist der letzte Ton verklungen, braust ein Ruf wie Donnerhall durchs Parkstadion, daß dem Gegner die Angst in die Beine fährt. „Attacke!“ Fünfzigtausend treten lautstark in einen Dialog mit dem Trompeter aus Block 4, immer wieder, bis endlich das Tor gefallen ist.

Einem ganzen Stadion den Marsch zu blasen erfordert den wahren Meister. Einen wie Marino Fioretti, 26 Jahre alt und bis vor kurzem ausschließlich Baggerführer von Beruf. Jetzt ist eine zweite Erwerbsquelle hinzugekommen. Für 7500 Mark im Jahr engagierte ihn der Hauptsponsor von Schalke, eine Großmolkerei, und machte Marino Fioretti damit zum ersten professionellen Fan in der Fußballbundesliga.

Eine ungewöhnliche Karriere, die „Fio“, wie er gerne genannt werden will, nicht an der Wiege gesungen wurde. Als Sohn eines italienischen Vaters und einer deutschen Mutter wurde er vor 26 Jahren in Essen geboren. Der Vater arbeitete im Pütt und starb früh an Staublunge. „Fio“ wuchs in Essen auf, dort wohnt er noch heute, aber sein Herz schlägt für Schalke.

Er durchlief die klassische Fankarriere. In der großen Pause war er Mitglied der blau-weißen Schulmannschaft. Als Zwölfjähriger hüpfte er durch die Schalker Nordkurve, wo der harte Kern der Fans die ewige Treue lernt. Die Pubertät erlebte „Fio“ überwiegend im D-Zug auf der Anreise zu den Schalker Spielen in der Nachbarschaft. Der Führerschein eröffnete ihm später die Möglichkeit, auch ferner gelegene Auftrittsorte der Mannschaft zu bereisen.

Musikalisch besonders hervorgetreten ist er in diesen Jahren nicht. Als Mitglied des Jugendfanfaren-Korps Essen-Katernberg besaß er ein altes Posthorn; „Triumphmarsch“, „Einer geht noch rein“ oder auch „Rucki-Zucki“ gehörten zum Repertoire. Aber der ganz große Hit befand sich noch nicht darunter.

Irgendwann dann, vielleicht war es eine Fügung des Schicksals, hörte „Fio“ im Fernsehen dieses „Dadi, dadi...“. Diese einprägsame knappe Tonfolge, einst das Angriffssignal der Südstaatenarmee im amerikanischen Bürgerkrieg, ging ihm nicht mehr aus den Ohren. Irgendwo in der Provinz von Meppen oder Freiburg, damals war Schalke noch zweitklassig, intonierte er das kurze Stück zum ersten Mal. Und kaum hatte er die Trompete abgesetzt, da brüllten hinter ihm drei oder vier Kameraden: „Attacke!“ Und beim nächsten Mal waren es schon fünfzig, dann hundert, und am Ende brüllte das ganze Stadion. Eine Lawine war losgetreten.

Ab und an versuchte sich „Fio“ noch mit anderen Soli, zum Beispiel dem „Trauermarsch“ bei verletzungsbedingtem Abtransport eines gegnerischen Spielers. Auch dies kam bei den eigenen Leuten ganz gut an. Aber die „Attacke“ war unschlagbar. Damit ließen sich sogar Tore erzwingen. In Braunschweig zum Beispiel, da spielten die Schalker einmal derartig erbärmlich, daß es selbst dem treuen „Fio“ die Mundwinkel so nach unten trieb, daß er gar nicht mehr blasen wollte. Unentschieden 0:0 stand es, kaum noch Hoffnung. Doch dann wurde mit einem gewissen Wörsdörfer ein neuer Spieler eingewechselt, die letzte Chance vermutlich. „Fio“ setzte die Trompete an, das Signal erklang, der Ruf kam zurück – und Wörsdörfer zog aus 35 Metern ab und knallte das Ding in den Kasten. Später kamen die Fans nicht zum Wörsdörfer, sondern zum „Fio“, und lobten: Das war dein Tor.