Mit aufgeblasenen Wangen pusten sie nach Leibeskräften und schauen dabei konzentriert in die Höhe, die „Souffleurs“, die Suzanne Lafont vor einer geometrisch gegliederten Wand plaziert hat. Die neueste Photoserie der 1949 geborenen Französin verbindet wie ihre früheren Arbeiten archetypische Handlungen mit – nicht immer auf den ersten Blick erkennbaren – Anspielungen auf die Geschichte von Literatur, Kunst, Film und Photographie. Der stets gleiche Hintergrund aus Dreiecken ist eine Reminiszenz an die Geometrisierung der (photographischen) Welt in der Moderne. Mit dieser Starrheit kontrastiert das heftige Atmen. Es verweist allgemein auf das Prinzip des Lebens und der Schöpfung, speziell auf das Hervorbringen von Geräuschen, auf das Sprechen. In ihrer Gesamtheit atmen die „Souffleurs“ die Freiheit einer vielstimmigen individuellen Rede vor der regulären Architektur des dogmatischen Wortes – die Photographin, die Philosophie studiert hat, bezieht sich damit, ebenso wie mit der Photofolge „Chor der Grimassen“ auf Aristophanes’ geschwätzigen Chor der Wolken.

Mit fast anachronistisch wirkender Beharrlichkeit erforscht Suzanne Lafont auch in der schwarzweißen Serie „Bruit“ (Krach) Grundbedingungen menschlicher Existenz. In den abwehrenden Gesten der Menschen, in ihren schmerzerfüllten Mienen wird das Nichtabbildbare sichtbar: die Aggressivität des Lärms, zugleich aber auch eine tiefe Angst vor dem Unsichtbaren, dem Unfaßbaren.

Während die Photographin sich mit diesen ausdrucksvollen Gesichtern im Großformat auf die Mitteilung gewissermaßen einsilbiger, eindringlicher Zeichen beschränkt, erzählt sie in zwei anderen schwarzweißen Sequenzen komplexe Geschichten. Sie zitiert in ihnen die Sprache des Photoromans, ohne jedoch seine flüchtigen, unzweideutig trivialen Aussagen zu übernehmen. Das melancholische Triptychon „La Chute“ beispielsweise hat den Sturz des Menschen von der Himmelsleiter ins schnöde irdische Dasein zum Thema, eine schmerzliche Erfahrung, die von Gesten des Mitleids gemildert wird.

Obgleich sie die Zeit für gottlos und die Welt für entzaubert hält, obgleich sie bezweifelt, daß Geschichten noch geglaubt werden, besteht Suzanne Lafont darauf, eine Spur zum Absoluten zu legen, Geschichten in ihren Photographien mitzuteilen. Modell ihrer Kunst sind die Sophisten, sind Aristophanes’ schwebende, in steter Wandlung begriffene Wolken, die sich nicht an die Kette der Logik und dogmatischen Wahrheit legen lassen.

(Paris, Galerie nationale du Jeu de Paume bis zum 24. Mai; September/Oktober 1992 im Museum of Modern Art New York; Katalog 180 FF.) Sabine Scheltwort