Von Claus Leggewie

Nicht nur die Neue Welt wurde "entdeckt". Auch Europa entdeckte – besser: erfand – sich 1492 selbst. Von der Pest genesen, auf ein Fünftel der damaligen Weltbevölkerung geschrumpft, politisch zerstückelt und zerrissen, war Europa nur ein ungehobelter Parvenü im Kreis der altehrwürdigen Imperien der Azteken und Inka, der asiatischen Despotien und der Königreiche Afrikas. Seit Mitte des 15. Jahrhunderts aber hatte der Kontinent, der bis dahin kaum seinen Namen wußte, neue Kraft gewonnen und schickte sich nun an, bis 1917 (oder 1945) die Geschicke der ganzen Welt zu bestimmen. Dazu riß er seine orientalischen Wurzeln aus, vertrieb die "Fremden" und verpaßte der religiösen Erwartung einer Neuen Welt irdisches Maß. Der Expedition in die Fremde ging der Exodus von Juden und Muslimen voraus; die amerikanische Conquista folgte aus der Reconquista im Abendland. Die Selbsterfindung Europas mündete in seine globale Selbstermächtigung.

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Spanien, bis zum 15. Jahrhundert nur eine geographische Einheit auf dem Gebiet der alten römischen Provinz Hispania, war ein Schmelztiegel der Völker wie kaum eine andere europäische Gegend. Nachfahren der Iberer und Kelten lebten mit Einwanderern und Eroberern aus dem Norden und der ganzen Mittelmeerwelt zusammen, mit Germanen und Westgoten, Phöniziern und Karthagern, Arabern und Berbern. Juden, Muslime und Christen praktizierten ihren Glauben in engster Nachbarschaft. Das maurische Spanien, das seit 711 unter arabischer Herrschaft stand und eine der größten jüdischen Diasporas beherbergte, war eine multikulturelle Gesellschaft. Die Mischung der Religionen und dauernde Grenzverschiebungen zwischen dem spanischen Orient und Okzident brachten ein hohes Maß an Toleranz und Durchlässigkeit zwischen den Kulturen und praktische convivencia (Zusammenleben) hervor.

Doch damit war es 1492 erst einmal vorbei: "Leidend und in großem Schmerz zogen sie über die Felder und Wege, alle nur möglichen Krankheiten verbreitend; unterwegs fielen sie hin, standen wieder auf, starben oder wurden geboren. Keinen Christen gab es, der sich bei diesem Anblick nicht erbarmt und sie angefleht hätte, um die Taufe zu bitten. Einige bekehrten sich, aus Müdigkeit, und gingen nicht mehr weiter, es waren aber nur wenige. Rabbiner versuchten, ihren Gruppen wieder Mut zu machen; sie ließen Frauen und Knaben singen, und um sie zu erfreuen, zeigten sie ihnen die Symbole der Gemeinschaft. So haben sie Kastilien verlassen."

Der fast mitleidsvolle Bericht des katholischen Chronisten schildert die Folgen des Judenedikts der Könige von Kastilien und Aragon, Ferdinand und Isabella, das am 31. März 1492, einem Sabbat, erlassen wurde. Es kam überraschend und fast ein wenig überstürzt. Denn eben noch standen die jüdischen Untertanen unter besonderem Schutz der frommen Isabella:

"Alle Juden meine? Königreiches sind mein ... und sie sind unter meiner Hilfe und Schutz, und mir obliegt es, sie zu verteidigen, ihnen zu helfen, und sie in Gerechtigkeit zu halten." Es hieß sogar, ihr sei die Anwesenheit von Juden bei Hofe angenehmer als so manche christliche Begleitung und Beratung. Abraham Senior aus Segovia, der Großrabbiner von Kastilien, war sogar Schatzmeister der Santa Hermandad, des Schutzbundes der kastilischen Städte, und bekleidete damit eines der höchsten Ämter Spaniens.