Von Raymund Windolf

Zunächst schien nichts Besonderes an den fossilen Knochen zu sein, die in einem ausgetrockneten Flußbett des US-Bundesstaates New Mexico aus dem Gestein ragten. Arthur Loy, Jan Cummings, Frank Walker und Bill Norlander, vier Hobbyforscher aus Albuquerque, waren 1979 zufällig auf sie gestoßen und hatten sich sechs Jahre Zeit gelassen, bis sie den Direktor des Naturhistorischen Museums ihrer Heimatstadt von dem Fund verständigten. Der Paläontologe David Gilette startete noch im gleichen Jahr erste Grabungen und stellte fest, daß es sich um die Überreste eines großen pflanzenfressenden Sauropoden handelte. Zu dieser Tiergruppe gehörten beispielsweise die Brontosaurier, auch als Riesendinosaurier bekannt.

Da es sich nicht nur um vereinzelte Knochen handelte, wollte Gilette wissen, ob hier ein vollständigeres Skelett vorliege und ob sich der Aufwand lohnen könnte, zehn Meter tief in hartem Sandstein zu graben. Bei der Geländeuntersuchung kamen ihm Wissenschaftler des nicht weit vom Fundort entfernt liegenden, vorwiegend militärischen Forschungszentrums Los Alamos zu Hilfe. Schließlich konnte die grobe Lage des Skelettes mit Radarstrahlen lokalisiert werden: Schräg hinab im Gestein mußten weitere Überreste des Sauriers lagern. So wurden 1987 und 1988 – oft nur mit Hammer und Meißel – Knochen freigelegt und in großen Blöcken von bis zu einer Tonne Gewicht in Gipsverbände eingehüllt.

Nach und nach kamen Schwanz-, Hüft- und Rückenwirbel sowie Beckenknochen des Dinosauriers zum Vorschein, die vor allem durch ihre Dimensionen überraschten. Fast hundert Jahre lang hatte Diplodocus longus mit 25,8 Metern nicht nur als der längste Sauropode, sondern auch als der längste Dinosaurier überhaupt gegolten. In den siebziger Jahren kamen allerdings in Colorado Einzelknochen zum Vorschein, die vermutlich von Dinosauriern mit mehr als dreißig Meter Körperlänge stammten. Aber der Sauropode aus New Mexico übertraf die Größe aller Diplodocus-Knochen um fünfzig bis hundert Prozent.

Kürzlich hat David Gilette dieses erstaunliche Reptil mit dem Namen Seismosaurus halli („Erdbebenechse“) und die neueren Grabungsergebnisse vorgestellt (Journal of Vertebrate Paleontology, Nr. 4, 1991). Da sich das Skelett in einen Berg hinein erstreckt, werden die Grabungen und die anschließende Präparation noch viel Zeit in Anspruch nehmen. Deshalb werden noch Jahre vergehen, bis der Riesensauropode vollständig rekonstruiert werden kann. Doch schon jetzt steht eine Besonderheit seiner Anatomie fest: Die Proportionen von Schwanz und Beinen sind höchst ungewöhnlich. Das mächtige Becken war nur 1,20 Meter hoch, der Schwanz hingegen extrem lang und gleichzeitig außergewöhnlich dick. Die Proportionen des Beckens suggerieren, daß dieser Gigant ziemlich kurze und stämmige Beine besessen hat. Während die meisten sauropoden Dinosaurier ihren Schwanz bodenfrei trugen, schleiften die Seismosaurier ihn hinter sich her.

Die bis heute entdeckten Knochen des Tieres lassen auf eine Länge zwischen 39 und 52 Metern schließen, wenn man sie mit denjenigen des nächsten verwandten Dinosauriers Diplodocus vergleicht. Gilette hält fünfzig Meter für die beste Längenschätzung. Damit würde der „Bebensaurier“ sogar den Blauwal übertreffen, der maximal 33 Meter erreicht und bis vor kurzem als das größte Tier aller Zeiten galt.

Warum der Saurier eine derartige Länge entwickelte und, vor allem, wie er sich ernährte, ist bis heute ein Rätsel. Obwohl der Schädel von Seismosaurus noch nicht zum Vorschein gekommen ist, gehen die Paläontologen davon aus, daß er nicht viel größer war als der eines Pferdes und daß in den Kiefern nur schwache Zähne steckten. Wie aber konnten sich Giganten von dreißig oder gar fünfzig Tonnen Gewicht trotz Minigebiß ausreichend mit Nahrung versorgen? Immerhin haben die Elefantenfuß-Dinosaurier 120 Millionen Jahre lang sich in fast unveränderter Größe und Erscheinungsform durchgeschlagen.