Alle rennen ins Kino. Wir nicht. Höchstens den Film „Der Liebhaber“ hätten wir uns ganz gern, in netter Begleitung versteht sich, mal angesehen. Doch auch hiervon nehmen wir jetzt Abstand.

Daß dieser Film kein epochales Filmkunstwerk ist, haben uns die Kollegen von der Filmkritik ja schon überzeugend dargelegt. Trotzdem, sechs Mark am Mittwoch, am „Kinotag“, wäre uns die Sache schon wert gewesen – und sei es aus außerkünstlerischen Gründen.

Doch nun haben wir gerade noch rechtzeitig das warnende Wort gelesen, das in einer der angesehensten deutschen Zeitungen einer der angesehensten deutschen Filmkritiker zu Papier gebracht hat. „Der Liebhaber“ sei nämlich gerade (schade!) kein Film für den „Voyeur im Zuschauer“, weil hier nämlich das „Verschmelzen der Körper“ einerseits durch einen „Mangel an Schärfentiefe“ andererseits gestaltet sei, wodurch dem „im Kino häufig peinigenden Akt des Geschlechtlichen“ gewissermaßen jegliche Schärfe und Tiefe abhanden gekommen sei, welches der Rezensent unserer angesehenen Zeitung (in welcher Voyeure naturgemäß niemals eine feste Anstellung fänden) zu begrüßen nicht umhin kann.

Nun müßten wir eigentlich ein machtvolles Widerwort aus liberaler Sicht sprechen. Fragen, erstens, warum unsere deutsche Filmkritik immer so belesen und erlesen tun muß, kaum eine Rezension ohne Geleitwort von Bataille oder Baudrillard verstreichen läßt. Fragen, zweitens, ob nicht das Kino (anders als das Theater, wo es ausschließlich um die Erhebung des Geistes und die Reinigung der Seele geht) eine zutiefst lüsterne Kunst ist, ein Spiel von Voyeuren für Voyeure. Und zugeben, drittens, daß uns „das Verschmelzen der Körper“, kurzum „der Akt des Geschlechtlichen“ gerade im Kino immer viel Freude bereitet hat – zumal die Menschen auf der Leinwand im Durchschnitt noch schöner sind als die uns im wirklichen Leben täglich oder auch im täglichen Leben wirklich begegnenden Redakteure angesehener Zeitungen.

Wir müssen abbrechen. Denn soeben erreicht uns aus der Welt des Kinos eine Nachricht, welche das Geraune über den Film „Der Liebhaber“ zur filmhistorischen Fußnote degradiert. In aller Kürze: Michail Gorbatschow wird im neuen Film von Wim Wenders auftreten! Er wird dortselbst mit einem Engel (Otto Sander) „über den Sinn des Lebens diskutieren.“ Dies ist die nackte Wahrheit – und nicht etwa ein Scherz zum beginnenden April.

Und nichts als die Wahrheit ist auch unsere nun folgende zusätzliche Exklusivinformation. Der Film wird „Bis ans Ende der Liebe“ heißen, und Michail Gorbatschow wird nicht der einzige Politiker von Weltformat sein, der darin auftritt. Weil Max von Sydow unpäßlich war, hat Wim Wenders kurzerhand einen Politiker von vergleichbar erotischem Charisma verpflichtet, Gerhard Stoltenberg. Der Bundesverteidigungsminister spielt in „Bis ans Ende der Liebe“ einen blinden Einödbauern, der sich auf einer schleswig-holsteinischen Hallig zusammen mit seiner ebenfalls blinden Geliebten (Jeanne Moreau) den Exzessen einer letzten Leidenschaft hingibt.

Wir können heute schon versichern, daß die legendäre Diskretion des Regisseurs jeden Voyeurismus im Kino zuverlässig verhindern wird. Die Liebesszenen zwischen Moreau und Stoltenberg, so hören wir, sollen von geradezu extremer Delikatesse sein, insbesondere das „Verschmelzen der Körper“ zeige Wenders als einen genuin poetischen, in keiner Sekunde peinigenden Akt.

Nächste Woche: DIE ZEIT bei den Dreharbeiten auf Nordstrandischmoor. Finis