Der Bundeskanzler schweigt, wo er reden müßte, und redet, wo er schweigen sollte

Von Gunter Hofmann

Bonn, Ende März

Helmut Kohl wiederholt sich. Das stumpft ab oder langweilt. Darin liegt vermutlich einer der Gründe dafür, daß weder das erste offizielle Treffen des Kanzlers mit Österreichs Bundespräsident Kurt Waldheim in München noch Kohls patzige Bemerkungen an die Adresse des World Jewish Congress (WJC) sonderlich viel Aufmerksamkeit in der deutschen Öffentlichkeit erregten.

Dieses schleichend Erfolgreiche, das sich jetzt wieder beobachten läßt, ist aber noch skandalöser als die kleine Szene in München, mit der alles begann. Dort ist Helmut Kohl ehrlich geworden. Fast möchte man sagen, er ist wieder ehrlich geworden.

Kurt Waldheim, den er "privat" beim Urlauben in Österreich schon öfter gesehen hat, ist also kurz vor Ende seiner Amtsperiode im Juni von Helmut Kohl und Bayerns Ministerpräsident Max Streibl mit ausgerolltem roten Teppich empfangen worden. Bisher hatte der Kanzler sich an der Politik der internationalen Quarantäne beteiligt. Sie gilt, seit bekannt wurde, daß der junge Wehrmachtsoffizier Waldheim im Jahr 1942 an der Deportation von 488 Jugoslawen beteiligt gewesen sein soll und von Repressalien gegen Juden gewußt haben soll, woran er sich nicht mehr erinnern kann.

Kritik am Treffen Kohls mit Waldheim kam jetzt besonders vom Geschäftsführenden Direktor des Weltkongresses, Elan Steinberg: Die Aufwertung Waldheims und die Entscheidung des Kanzlers, "der uns Bitburg beschert hat, zeigt ein erschreckendes Maß an moralischer Empfindungslosigkeit gegenüber dem jüdischen Volk und den Ereignissen des Holocaust".