Von Christoph Dieckmann

Potsdam, Ende März

Nein, sagt Bärbel Bohley, Herrn Diestel schätze sie gar nicht. Den lasse sie reden, den nehme sie nicht ernst. "Diestel ist ein Vertuscher, kein Aufklärer." Daß der letzte Innenminister der DDR und jetzige CDU-Fraktionsvorsitzende im Brandenburger Landtag bei den ehemaligen Oppositionellen so wenig Liebe findet, hat er sich sauer verdient.

Erst wollte Diestel, aus Angst vor Mord und Totschlag und aus Sorge um den Datenschutz, private Einsicht in die Stasi-Akten ganz verhindern. Jetzt brach der Sturm los, als er der Berliner Zeitung ein Interview gab, worin er – unter dem Titel "Stoppt die Jagd auf die Stasi-Spitzel" – die Bürgerrechtler erbarmungsloser Geltungssucht zieh, Joachim Gauck als Leiter der gleichnamigen Behörde ungeeignet nannte und die Inoffiziellen Stasi-Mitarbeiter in Gute und Böse schied: Besonders im kirchlichen Bereich habe mancher IM eine Verpflichtungserklärung unterschrieben "mit der festen Absicht.. ., aus diesem Kontakt heraus Verständnis füreinander und Kenntnis übereinander zu schaffen. Insofern war mancher IM natürlich auch ein Garant für den inneren Frieden."

Diestel verklagte die Zeitung. Der Text entstelle das Gespräch. Den "inneren Frieden" habe er auf die Bereiche Spionageabwehr und Katastrophenschutz des Ministeriums für Staatssicherheit bezogen; sein Respekt vor den Opfern sei unterschlagen worden. Aber zum Tenor des Interviews stehe er. "Die Rechnung IM gleich Schwein stimmt nicht."

Peter-Michael Diestel, der 08/15-DDR-Bürger: Offizierssohn, Melker, Jurist, Kraftsportler, 1989 Gründer des CSU-Schwesterchens DSU. Als er im März 1990 sein Amt als Innenminister antrat, besaß er "keine Ahnung von den abartigen Erkenntnissen", die seiner harrten. Der Yuppie-Typ, vom wendefreudigen DDR-Fernsehen zum "Mister Minister" erkoren, hatte im Wahlkampf kernige Töne gegen das alte System gespuckt und sich dem Kanzler unentbehrlich gemacht, indem er die Allianz für Deutschland schmieden half. Ohne Geleitschutz durch die DSU und den Demokratischen Aufbruch hätte Helmut Kohl das Beilager mit Gerald Göttings Ost-CDU nicht wagen können.

Die Allianz gewann haushoch. Diestel, in seinem neuen Amt, machte "eine Kehrtwendung von 180 Grad. Ich bin von einem Tag auf den anderen für 16,5 Millionen Menschen verantwortlich gewesen, für 160 000 kommunistisch geschulte Polizisten, für einen riesenhaften, mir anfangs undurchschaubaren Sicherheitsapparat. Es "war absolut’ notwendig, sich auf diese noch bestehenden Machtkonstellationen einzulassen. Wenn ich, wie oft verlangt, Politik mit der Sense betrieben und die roten Köpfe abgeschnitten hätte, wären unabwendbare Gefahren entstanden. Dann wäre Blut geflossen in diesem Land." Diestel drückte den Deckel auf den brodelnden Topf. "Die Polizisten, die uns in Leipzig im Herbst 89 gegenüberstanden, hatten genausoviel Angst wie wir Demonstranten: vor dem Einsatz, daß sie schießen müßten."