Charles Lutwidge Dodgson war ein Eigenbrötler und Stotterer, der als Dozent für Logik und Mathematik am Christ-Church-College in Oxford sein Auskommen fand. Unter dem Pseudonym Lewis Carrol veröffentlichte er die Kinderbücher „Alice im Wunderland“ und „Alice hinter den Spiegeln“. Sie haben ihn berühmt gemacht. Daß er ‚auch einer der großen Meister der frühen Photographie“ gewesen sei, behauptet Karl Steinorth im Vorwort des von ihm herausgegebenen Bildbandes, der wenig bescheiden „Lewis Carroll, Photographien“ heißt und zweisprachig, deutsch/englisch, erschienen ist.

Der Band versammelt fast ausschließlich Portraits: vier Bildnisse des Photographen, zwölf von anderen Erwachsenen, und achtunddreißig von Kindern – vor allem Mädchen im Alter zwischen etwa drei und sechzehn Jahren. Sie liegen auf Sesseln und Sofas oder lehnen an Gattern und Hauswänden, um Belichtungszeiten von mindestens vierzig Sekunden ohne Bewegung zu überstehen. Wie andere Portraitisten des 19. Jahrhunderts gibt Carroll seinen Bildern eine anekdotische Dimension: Xie Kitchin, Tochter eines Pfarrers, posiert in orientalischem Ambiente als „Chinesin“, im Nachthemd „schlaflos“ und mit Pelzmütze als „Dinin“. Mehr als hundert Kinder hat Lewis Carroll Photographien, von 1856 an (dem Geburtsjahr Freuds), als er mit 34 Jahren das modischste aller Hobbies zu betreiben begann, bis 1880, als er plötzlich mit dem Photographieren aufhörte. Warum, gilt bis heute als ungeklärt.

Wie so viele Werke von Photographen des vergangenen Jahrhunderts, ist auch das Portraitwerk Carrolls inkonsistent. Manche Bilder, allerdings nie die von Erwachsenen, wirken extrem gegenwärtig; sie könnten – in der Abstimmung der Grautöne, der Gegenwart von Augen und Haut, im unspektakulären Einsatz von Unschärfen – aus den sechziger Jahren unseres Jahrhunderts stammen. Andere Bilder verraten allein durch die Vignettierung den noch mühevollen Einsatz der Plattenkamera. Der Widerstand der aufwendigen Technik macht auch die Beschreibung und Wertung der Begegnungen diesseits und jenseits der Kamera dunkel und schwierig. Die Auswahl des Bandes „Photographien“ verrät allerdings ein bestimmtes Interesse: Es ist solchen Aufnahmen der Vorzug gegeben worden, die den Kontakt zwischen Photograph und Modell möglichst lebhaft erscheinen lassen. Aus früheren Publikationen, etwa dem Insel-Taschenbuch „Briefe an kleine Mädchen“, sind Photographien bekannt, in denen die Beziehung von Carroll zu den Mädchen viel angespannter wirkt; und deren befremdete Blicke spiegeln sehr klar, daß sie das, was von ihnen erwartet wird, nur unter Mühen zu bieten vermögen.

Der Hintergrundtext von Colin Ford in dem neuen Bildband geht die Frage der Päderastie des Lewis Carroll ziemlich direkt an, allerdings ohne die Indizien in eine überzeugende Ordnung zu bringen. Es steht fest, daß Lewis Carroll einige der Mädchen halb- und unbekleidet aufgenommen hat: „wie die Natur sie schuf“, heißt es zunächst im Tagebuch und später schlicht: „nackt“. Von der Mutter einer Edith Mayhew – ein Bild dieses Mädchens findet sich im Buch nicht – will Carroll vorab wissen, „was das Minimum an Kleidung für die Aufnahme ist (...). Ich hoffe auf jeden Fall, daß eine Badehose genügt, obwohl ich meinerseits es vorziehen würde, sie wegzulassen.“ Die Mutter von Alice Liddell, für die Carroll seine phantastischen Geschichten geschrieben hatte, verbot dem Unglücklichen das Haus.

Wie schon andere Autoren vor ihm, flüchtet auch Colin Ford in die Apologie („Es gibt keinen Hinweis auf irgendeinen Skandal“). Dabei läßt der neue Bildband entscheidende Fragen offen. Wenn denn die Kinderakte von Carroll unproblematisch sind, so stellt sich die Frage, in wessen Besitz sie sind und warum das Buch nicht ein einziges Beispiel zeigt. Wahrscheinlicher ist, daß der Mythos des großen Mädchenfreundes einer Revision bedarf. Es ist schließlich kein Geheimnis, daß manche sehr sensible Pädagogen eine erotische Neigung zu Kindern haben; und, andersherum, praktizierende Päderasten ein gewichtiges Maß an Einfühlung aufzubringen in der Lage sind, um ans Ziel ihrer Wünsche zu gelangen. Vielleicht ist es Lewis Carroll gelungen, seine Leidenschaft in der Photographie mehr oder weniger zu kompensieren. Aber der Mann ist seit fast hundert Jahren tot, und es gibt keinen Grund, uns vor dem prekären Teil des Werks unter Zuhilfenahme von Unschuldsbeteuerungen in Schutz zu nehmen.

Ulf Erdmann Ziegler

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