ARD, Donnerstag, 2. April, 23.00 Uhr: „Der schwarze Kanal oder Armes Deutschland. Eine Begegnung mit Karl-Eduard von Schnitzler“ – Film von Thomas Grimm und Lutz Rentner

Es gelingt mir nicht, in Karl-Eduard von Schnitzler einen Feind zu sehen. Im Gegenteil, er ist mir eher sympathisch, sympathischer jedenfalls als, sagen wir, Volker Rühe oder Erwin Huber. Das zeigt, würde Schnitzler jetzt sagen (und Rühe und Huber würden ihm beipflichteil), daß ich die Idee des Klassenkampfs nicht verstanden habe. Und Gerhard Löwenthal, dessen ZDF-Magazin das bundesdeutsche Gegenstück zu Schnitzlers Schwarzem Kanal war, würde ergänzen, daß dies die Mentalität ist, die Staatsfeinde begünstigt. Ja, gut.

Heute sind beide, Schnitzler wie Löwenthal, Rentner, und der Klassenfeind setzt Schnitzler ein Denkmal im demschen Fernsehen. (Bei umgekehrter Weltlage wäre es Löwenthal schlechter ergangen. Das spricht für die Überlegenheit des kapitalistischen Systems.) Man erfährt viel über Schnitzler: daß er die rheinische Landschaft seiner Kindheit liebt, die DDR nicht zurückhaben will und Oliver Reck für einen guten Torwart hält. Lauter Gemeinsamkeiten, deutsch-deutsch.

Ganz schlecht war, was Schnitzler achtundzwanzig Jahre lang jede Woche im DDR-Fernsehen sagte: „Hysterie auch bei Imperialisten – von Washington über Bonn bis Habsburg.“ Oder im September 89: „Die vorgeblichen Massen, um die es sich angeblich handelt, stellen im Kreise der Urlauber gerade mal zwei Prozent dar.“ Ganz schlecht, hysterisch deutsch. Jetzt, nach dem vorgeblichen Ende der angeblichen DDR, erinnert sich Schnitzler, daß die meisten der negativen Zuschauerbriefe zum Schwarzen Kanal anonym waren. Da ist er, wie man bei uns sagt, an etwas dran.

Schnitzler ist ein deutscher Oberlehrer (Version Ost). Er liebt Sätze wie: „Gute Politik ist gut, schlechte Politik ist schlecht.“ (Rühe und Huber würden das, sagen wir, „vollinhaltlich“ unterstützen.) Der Unterschied zu anderen deutschen Oberlehrern (Version West) besteht nicht darin, daß Schnitzler unrecht hatte, sondern daß er jetzt den Mund halten muß. Das macht ihn sympathisch, selbst dann, wenn er den Mund wieder aufmacht. Die Autoren dieser „Begegnung“ – zu der einem immer wieder ein Satz aus Murnaus „Nosferatu“ einfällt: „Als er den Fluß überschritt, kamen ihm die Phantome entgegen“ – lassen ihn noch einmal einen Schwarzen Kanal moderieren, weltexklusiv und großdeutsch. Schnitzler höhnt über den Marsch des Parlaments in die neue Reichshauptstadt Berlin („Welche Wendel“), verteidigt Manfred Stolpe („Wer, bitte, stellt die Frage nach Akteneinsicht beim BND und beim Verfassungsschutz? Und bei Amerikas CIA?“) und rechnet mit Wolf Biermann ab („Das ist nicht mein Niveau – Geist contra Gosse“). Dann trägt er Mörikes Gedicht „Septembermorgen“ vor: „Im Nebel ruhet noch die Welt/ Noch träumen Wald und Wiesen: / Bald siehst Du, wenn der Schleier fällt, / Den blauen Himmel unverstellt, / Herbstkräftig die gedämpfte Welt / In warmem Golde fließen.“ Und dann, als die Kamera nach hinten aufzieht und man das erbärmliche Studiozimmer sieht, in dem er gesprochen hat, sagt er: „Gestorben. Gut.“

Vorher hat er noch gesagt: „Der Fußball ist doch die beste Unterhaltung, die es im Fernsehen gibt.“ Ein Staatsfeind, ja. Gestorben. Gut. Andreas Kilb