Kasachstan, Belarus und die Ukraine haben noch nicht über ihr Arsenal entschieden

Von Christian Schmidt-Häuer

Kasachstan: Explosives Völkergemisch

Alma-Ata, Ende März

Noch ist alles beim alten im neuen Atomstaat. Schwer trägt der hellblaue Audienzsaal des Präsidenten am klobigen Emblem aus Hammer, Sichel und Stern. Die rote Fahne mit dem blauen Streifen stammt noch von einer Kolonie, die es nicht mehr gibt: von der Sowjetrepublik Kasachstan. Den Status der Selbständigkeit und der Nuklearmacht hat das riesige Steppenland mit seinem explosiven Völkergemisch schneller erworben, als sich ein nationales Symbol finden läßt. Der Präsident ist die einzige Integrationsfigur. Doch Nursultan Nasarbajew, der aus gutem Grund nur ein souveränes Kasachstan in einer reformorientierten, aber weiterexistierenden Sowjetunion angestrebt hatte, macht nicht gerade den Eindruck eines "Sultans im Glück", als den ihn sein Vorname ausweist.

Nasarbajew spricht ohne jede orientalische Ausschmückung leise, monoton, aber doch beschwörend. Sein Blick wirkt so unpersönlich, als sehe er auch durch den Gesprächspartner nur auf die Sache. Der Anflug eines Lächelns und die Höflichkeit Asiens scheinen ihm für das Staatsamt nicht zu ziemen. Nur die Probleme zählen, und sie, so wirkt seine gepreßte Rede, nehmen Nasarbajew fast die Stimme. Doch gerade die stille, stete Bedrücktheit läßt etwas von dem entschiedenen Druck und dem entschlossenen Drängen spüren, mit denen dieser ungewöhnliche Grenzgänger zwischen Europa und Asien sein Land zu modernisieren trachtet.

Nur einmal läßt sich der Präsident gehen. Als Hans-Jochen Vogel wissen will, welche Pläne Nasarbajew inzwischen mit den in Kasachstan stationierten Atomwaffen der früheren UdSSR hat, antwortet der 52jährige Kasache wie ein hochfahrender Khan: "Meine Stellungnahme habe ich schon so oft wiederholt, daß mir die Frage allmählich zum Halse heraushängt. Unsere vier Republiken mit nuklearer Rüstung haben sich vertraglich auf einen gemeinsamen Oberbefehl über die strategischen Waffen geeinigt. Den Knopf zum Abdrücken hat der russische Präsident in der Hand, damit das alle Welt weiß, und mit ihm der Oberkommandierende der GUS-Streitkräfte. Die taktischen Atomwaffen sind aus Kasachstan abgezogen worden, weil es bei uns keine Anlagen zu ihrer Vernichtung gibt."