Von Frank Gerbert

Gleich zweimal hat das Städtchen Pythagorion seinen großen Sohn in Erz gießen lassen. Auf dem Marktplatz starrt ein langhaariger Pythagoras, Anfang bis Mitte Dreißig, die gegenüberliegende Hauswand an. Am Hafen schaut sein Alter ego, so um die Vierzig und mit kurzem Kräuselhaar, hinauf zu einem rund zehn Meter hohen dreiecksähnlichen Gebilde, das sich über ihm auftürmt und in das wiederum verschiedene Dreiecke eingraviert sind. Wir befinden uns auf Samos in der Ostägäis – einer mathematischen Kult-Insel.

In der Hand hält Pythagoras II ein Winkeleisen in der Form seines Lieblingsdreiecks: des rechtwinkligen. A Quadrat plus b Quadrat gleich c Quadrat – dieser Geistesblitz ging als "Lehrsatz des Pythagoras" in die Wissenschaftsgeschichte ein: Die Quadrate, die man über den zwei kürzeren Seiten eines rechtwinkligen Dreiecks errichten kann, sind zusammen genauso groß wie das Quadrat über der längsten Seite. Warum das so ist und welcher Nutzeffekt sich daraus ergibt, das haben wir, ehrlich gesagt, längst vergessen; doch in ihrer abstrakten Schlichtheit wird die Formel a hoch2 + b hoch2 = c hoch2 von einer ähnlich mythologischen Auia umstrahlt wie Einsteins vielzitiertes und dabei wenig kapiertes E=mc hoch2.

Pythagoras wurde um 570 vor Christus in der antiken Stadt Samos geboren, deren neuzeitliche Nachfolgerin sich seit 1955 mit seinem Namen schmückt. Der Mathematiker und Philosoph mußte nach Unteritalien ins Exil gehen, vertrieben von Polykrates, dem legendären samischen Tyrannen. Der geniale Asylant starb gegen 496 vor Christus.

Schriftliche Aufzeichnungen von Pythagoras sind nicht überliefert, und niemand weiß genau, wann er den Dreiecks-Lehrsatz entwickelt hat. In seiner Jugend dürfte es nicht gewesen sein; deshalb erlauben wir uns, vom jubiläumsreifen Formelalter 2500 Jahre (plus x) ausziehen.

"Pythagoras Superstar", so nennt ihn der italienische Autor Luciano de Crescenzo in seiner flott-unkomplizierten "Geschichte der griechischen Philosophie", wurde im Exil Begründer und Führer einer philosophisch-politischen Sekte, der er einige seltsame Manieren beibrachte. Seinen Anhängern verbot er unter anderem, Bohnen zu essen, Brot zu brechen und weiße Hähne zu berühren.

Sein Denken ist denn auch eher vorrational als rational. Die Welt versuchte er als Kombination miteinander harmonierender Zahler zu erklären. Überall witterte er versteckte Harmonien – nicht immer mit Erfolg.