Von Namo Aziz

Newroz: das neue Jahr, die neue Sonne, der neue Tag. Die Kurden feiern in diesen trüben Frühlingstagen ihr Neujahrsfest, den Tag der Befreiung von der Tyrannei des persischen Herrschers Zohak, der vom kurdischen Schmied Kawe mit dem Hammer erschlagen wurde. Das Fest ist alt, so alt wie der Ruf der Kurden nach Freiheit. Seit Tausenden von Frühlingen wird im Gedenken an diese Tat das Neujahrsfeuer entzündet. Flammen erhellen das karge kurdische Berggebiet, das Spiel mit dem Feuer beginnt.

Auch dieses Jahr flackern die Hoffnungsflammen, auch in diesem Jahr werden sie unter Strömen von Blut erstickt. In den südöstlichen Grenzgebieten der Türkei bis hinein in den Norden des Irak tobt seit den Newroz-Festtagen ein wilder Bürgerkrieg zwischen dem kurdischen Volk und dem türkischen Militär. Dabei hatte doch Ministerpräsident Demirel persönlich eine offizielle Newroz-Grußbotschaft an die Kurden gerichtet in der Hoffnung, das Fest werde ohne Störungen verlaufen – ganz im Sinne eines friedlichen Zusammenlebens zwischen Türken und Kurden.

Der bisher zur Schau gestellte liberale Kurs der Regierung Demirel zeigte Tendenzen, das kurdische Problem überhaupt erst einmal anzuerkennen und nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen. Die Kurden sollen in das türkische Staatswesen integriert werden, indem ihnen die Publizierung von Zeitungen und Büchern in kurdischer und türkischer Sprache zugestanden wird; kurdische Oppositionelle sollen im türkischen Parlament als Interessenvertretung der Kurden zugelassen werden. Die Türkei, langjähriges Nato-Land, das eine Mitgliedschaft in der EG anstrebt, schien somit auf dem besten Weg, den Demokratisierungsprozeß im Land voranzutreiben. Endlich schien das Land den störenden Makel, die ständige Verletzung der Menschenrechte – besonders an den Kurden –, beseitigen zu wollen.

Bomben und Granaten haben diesem Fortschritt erst einmal ein jähes Ende bereitet. Die Angst vor dem Westen, so Demirel, sei verschwunden, das kurdische Volk müsse von terroristischen Elementen befreit werden. Die Unterscheidung des Präsidenten zwischen Volk und Terroristen steht allerdings in völligem Widerspruch zu den blindwütigen Zerstörungsaktionen des Militärs, bei denen keineswegs nur Anhänger der militanten Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) liquidiert werden. Frauen und Kinder, Alte und Kranke – jeder Kurde scheint zum Terroristen und Staatsfeind oder, wie Demirel es formulierte, zur "Geschwulst" oder einfach zum "Killer" geworden zu sein. An die hundert Kurden mußten inzwischen ihren Ruf nach mehr Rechten mit dem Leben bezahlen.

Sie hatten demonstriert für kulturelle und politische Autonomie, für bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen, für eine Aufhebung des Ausnahmezustands. Vieles in Kurdistan, dem Armenhaus des türkischen Staates, ist zu beklagen. Einige Kurden glauben das Ende dieses erbärmlichen Zustands in der Schaffung eines unabhängigen kurdischen Staates zu sehen. Besonders Jugendliche, die unter den bestehenden Verhältnissen verzweifelt in die Zukunft blicken, lassen sich von den Parolen und Methoden der gut organisierten PKK anlocken, die eine radikale Loslösung von Ankara fordert. Auch unter den 300 000 in der Bundesrepublik lebenden Kurden aus der Türkei reagieren vor allem Jugendliche mit Zerstörung und Haß auf das Töten ihrer Angehörigen in der Heimat.

Nach mehrtägigem Schweigen verurteilte die Bundesregierung den brutalen Einsatz des türkischen Militärs. Sie verhängte auch einen Stopp für Waffenlieferungen gegen die Türkei, die zum riesigen Arsenal alter NVA-Waffen geworden ist. Von weiteren Sanktionen allerdings ist noch keine Rede. Für die Betroffenen im Kriegsgebiet bedeutet dies, daß der Krieg andauern, die Demokratie, wieder einmal aufgeschoben wird, Gewalt und Terror weiterregieren werden. Wie läßt sich da noch hoffen, daß junge Kurden sich zu einem Lebensweg entscheiden, der nicht in die Kriminalität führt?