Von Jürgen Krönig

London, Ende März

Konservative Politiker beschleicht in diesen Tagen ein beklemmendes Gefühl: Aus der Flut der Umfragen hat sich eine bedrohliche Tendenz herauskristallisiert – nach dreizehn Regierungsjahren scheint den Tories der Verlust der Macht bevorzustehen. Labour liegt mit vier bis sieben Prozent vor den Konservativen, die Liberaldemokraten haben als einzige zugelegt; die Umfragen weisen ihnen rund zwanzig Prozent zu. Die Zeichen der Panik in den Reihen der Regierungspartei sind unübersehbar, denn niemals in der britischen Nachkriegsgeschichte ist es einer Regierungspartei gelungen, ihren Stimmenanteil im Verlauf eines Wahlkampfes zu erhöhen.

An der konservativen Basis rumort es inzwischen heftig. Die Forderung wurde laut, die "Hunde des Krieges" loszulassen, wahlkampferprobte Haudegen aus den "goldenen" achtziger Jahren wie Norman Tebbit. Von ihnen erhofft sich das Parteivolk mehr Wirkung als von der Riege blasser Kabinettsmitglieder, von denen manche erst gar nicht in die Schlacht geschickt werden. Vor allem die Parteirechte kritisiert die "zu negative, defensive Kampagne". Sie deutet zugleich an, daß die Messer für die Abrechnung nach einer Wahlniederlage bereits gewetzt werden.

Margaret Thatcher vermißt in der Kampagne ihrer Partei "Mumm und Feuer". Sie konnte es sich auch nicht verkneifen, öffentlich über den Schuldenberg zu mäkeln, den ihr ungeliebter Nachfolger angehäuft hat. Die Absicht, die Eiserne Lady angesichts der Notlage noch stärker einzuspannen, wurde nach dieser Kritik von der Tory-Führung aufgegeben. Die Nerven vieler Minister liegen bloß. Ihnen allen, John Major eingeschlossen, droht im Falle einer Niederlage das gleiche Schicksal – das ruhmlose Ende iher politischen Karriere. Das erklärt die Bitterkeit, mit der gekämpft wird – und zugleich den leisen Hauch von Verzweiflung.

Das Hauptquartier der Konservativen hat jetzt, in der letzten Woche des Wahlkampfes, die Strategie noch einmal geändert. Man versucht nicht länger, John Major als den freundlichen Mr. Nice Guy zu verkaufen. Er hat die Wahlkampfarenen der Partei mit ihrem • handverlesenen Publikum verlassen und steigt jetzt in aller Öffentlichkeit auf eine Seifenkiste, ein Überbleibsel aus seiner Zeit als konservativer Stadtrat in Brixton, um direkt zum Wahlvolk zu sprechen. Majors Tonfall ist härter und aggressiver geworden. Er greift Labour-Chef Neil Kinnock frontal an, warnt vor einem "Ausverkauf" britischer Interessen durch ein "inkompetentes, überfordertes walisisches Leichtgewicht" und beschwört "den Alptraum auf Kinnock Street".

Den Tories wollte in diesem Wahlkampf bislang nichts so recht gelingen. Keiner ihrer Slogans zündete wirklich; keines ihrer Themen hat sich als wirksame Waffe gegen Labour erwiesen; dem schwankenden Wähler wurde auch kein Argument präsentiert, das ihn davon überzeugen könnte, den Regierenden trotz der ökonomischen Misere noch einmal ein Mandat zu erteilen.