Von Elmar Schenkel

Auf den schmucklosen puritanischen Gräbern des Friedhofs, gleich hinter Ren’s Mobil Station, sitzen entspannt ein paar Dutzend Leute und singen zur Gitarre: „Oh Emily Dickinson, words so fine, oh Emily Dickinson, friend of mine ...“ Danach sagt der eine oder die andere ein Gedicht auf, ein Japaner, eine Italienerin, zwei aus dem Ort, während die Zuhörer Ginger-ale schlürfen. Im heiter-melancholischen Plauderton löst sich die Veranstaltung auf, der Nachmittag schwebt davon: eine federleichte, poetische Geisterbeschwörung, wie sie alljährlich in Amherst, dem College-Städtchen des westlichen Massachusetts, stattfindet.

Denn hier verbrachte die Lyrikerin Emily Dickinson von 1830 bis 1886 ihr Leben. Jedes Jahr am 15. Mai, ihrem Todestag, nähern sich der charakteristisch neuenglischen Villa auf Main Street heimlich rezitierende Gestalten, denn das beste Geschenk an ihrem Grab ist ein auswendig gelerntes Gedicht. Vom Haus durch die Hintertür folgt man dem Weg, auf dem ihr Sarg an jenem Maitag im Jahre 1886 zum Friedhof getragen wurde.

Die Legende weiß, daß ihm ein Schwarm Schmetterlinge folgte. Vielleicht waren es aber ihre Gedichte, die so manches mit Schmetterlingen gemeinsam haben, seien es die zarten Ornamente und drohenden Augen, die Buchstaben des Todes und die Signaturen der Unsterblichkeit oder einfach das Flügelschlagen. Wenn uns die Chaos-Theorie bescheinigt, daß ein bayerischer Schmetterling einen Taifun in China auslösen kann, so trifft dies sicher auf Dickinsons Gedichte zu.

Zu Lebzeiten erschienen nur sieben Gedichte, die restlichen, über 1700, waren späteren Generationen vorbehalten, und erst mußte der Zweite Weltkrieg vergehen, bevor das ganze Ausmaß ihrer Genialität erkannt wurde und einen Wirbelsturm in der Forschung auslöste.

Für ihre zeitgenössische Umgebung war sie die kleine Emily gewesen, die „auch Gedichte schrieb“, eine Exzentrikerin, die sich mehr den Blumen und Insekten widmete und sich aus der Gesellschaft zurückzog und allenfalls ihrem Vater, dem verehrten und gefürchteten, Brot backte und Gelees machte, denn „people must have puddings“, wie sie einmal bemerkte.

Ein nicht ganz untypisches Schicksal des 19. Jahrhunderts, wert nur, dem Vergessen anheimzufallen, in das sie sich einzuüben schien. Den meisten war sie bald ein Geist zu Lebzeiten. Glücklich, wer ihr weißes Kleid, das heute noch zu besichtigen ist, durch die Dämmerung huschen sah. Mit Menschen verkehrte sie über Zettel und Zeichen. Als Emerson, der große Philosoph aus dem nahen Concord, einmal ins Nachbarhaus kam, um einen Vortrag zu halten, ging sie nicht hin.