Die Mehrheitsverhältnisse in Südkoreas Parlament stimmen wieder, zumindest aus Sicht der regierenden Demokratisch-Liberalen Partei. Allerdings verdankt die DLP dies allein zwei unabhängigen Abgeordneten, die sich ihrer Fraktion nach der verheerenden Wahlniederlage in der vorigen Woche anschlössen. So wurde der Wählerwille rasch korrigiert, allein hätte es die DLP nicht geschafft: Verfügte sie bisher über 215 der insgesamt 299 Sitze im Parlament, errang sie jetzt nur 149 Mandate.

Einen „Peitschenhieb“ nannte Premierminister Chung Won Shik das Votum. Vom Protest der Wähler profitierte nicht nur die Demokratische Partei von Oppositionsführer Kim Dae Jung; auch die erst zu Jahresbeginn ins Leben gerufene Nationale Einheitspartei Chung Ju Yungs, des schwerreichen Gründers des Industriegiganten Hyundai, entsendete auf Anhieb 31 Abgeordnete in die Nationalversammlung.

Dieser Überraschungserfolg des konservativen Industriellen, der bis zu seinem spektakulären Zerwürfnis mit Präsident Roh Tae Woo zu den großzügigsten Finanziers der DLP gehörte, macht vor allem die Unzufriedenheit der Südkoreaner mit der Wirtschaftspolitik der Regierung deutlich, der sie eine Inflationsrate von knapp zehn Prozent und ein Handelsbilanzdefizit von rund zehn Milliarden Dollar anlasten. Die eindrucksvolle außenpolitische Bilanz des Präsidenten – diplomatische Beziehungen Seouls zu Moskau, die Aufnahme beider koreanischer Staaten in die Vereinten Nationen, das Gewaltverzichts- und Aussöhnungsabkommen mit dem kommunistischen Norden – honorierten die Wähler nicht.

Die DLP wird sich nach dem Debakel vom vergangenen Dienstag nun wohl nach einem neuen Kandidaten für die Präsidentschaftswahlen Ende des Jahres umsehen müssen. Die Chancen Kim Young Sams, der sich nach einem Leben in der Opposition 1990 der Regierungspartei gegen das Versprechen anschloß, die DLP werde ihn 1992 für die Nachfolge Rohs ins Rennen schicken, sind drastisch gesunken. Schon wird in Seoul über einen Bruch der DLP und eine Allianz zwischen Kim Young Sam und dem Industriellen Chung Ju Yung spekuliert.

Die Südkoreaner sind der Machtspiele und Manöver ihrer Politiker überdrüssig. Neue Männer braucht das Land: Dies war ihre Botschaft am Wahltag. Doch sie werden sich gedulden müssen. Bei den Präsidentschaftswahlen, so viel scheint sicher, werden wieder die alten Männer antreten. M.N.