Von Judith Klein

Die Menschen sind „zur Freiheit verurteilt“, hat Jean-Paul Sartre gesagt, weil sie ungeachtet aller Umstände und Determinationen für die Welt und für sich selbst verantwortlich sind; Hannah Arendt, deren Freiheitsbegriff ebenso unbedingt ist, hat ein anderes entscheidendes „Verurteilt-Sein“ danebengesetzt: Wir sind, solange wir leben, „dazu verdammt, mit uns selber zusammenzuleben, was immer auch geschehen mag“. Die Bewußtheit, die Reflexivität, mit denen dies Zusammensein erlebt wird, haben Auswirkungen auf das Verhalten. Menschen, die im „stillen Zwiegespräch mit sich selbst“ fragen, ob sie mit einem Mörder, einem Spitzel, einem Rassisten, einem Unterdrücker – nämlich sich selbst – leben wollen, besitzen die Kraft zu einem eigenen Urteil und sind unter der Diktatur gewappnet gegen das Mitmachen. Nicht die Stabilität oder die Qualität ihres Wertesystems veranlaßte Menschen, in Deutschland verantwortlich zu handeln, sondern ihre „Gewohnheit, ausdrücklich mit sich selber zusammenzuleben“.

Wie die vielen, die es sehr wohl mit sich aushalten, obwohl sie wissen, wer sie sind und was sie tun oder getan haben, zu dem Zwiegespräch mit sich selber gebracht werden, wie sie die „Gemeinschaft mit sich selber“ enger knüpfen und Urteilsfähigkeit erwerben oder bewahren könnten, sagt Hannah Arendt in ihrem Essay „Persönliche Verantwortung in der Diktatur“ nicht. Sie läßt indes nicht nur aktives Eingreifen, Kampf oder Aufruhr gelten, sondern wertet Ohnmacht und Schwäche auf: Die Ohnmächtigen waren, sofern sie sich ihre Ohnmacht eingestanden, in der Lage, die Unterstützung zu verweigern, es abzulehnen, mit dem, was ringsherum passierte, etwas zu tun zu haben. Eine „wirkungsvolle Waffe“, eine „der vielen Varianten gewaltloser Aktion“, nennt Arendt dies Nicht-Mitmachen aus Schwäche.

Die Massenvernichtung in den Konzentrationslagern, die Errichtung einer Welt, „in der nur noch gestorben“ und die Arbeit in ein Mittel der Vernichtung verwandelt wurde, war Hannah Arendt zufolge ein beispielloser Vorgang, der allen Nützlichkeitserwägungen und allen militärischen Überlegungen widersprach. Er war die Umkehrung einer menschlichen Ordnung, in der zweckrationale Denk- und Handlungsformen, nämlich die Prinzipien von Selbsterhaltung, Nützlichkeit und Sinn, gelten. Diese Einschätzung bleibt jedoch in Arendts Werk nicht ganz unwidersprochen, was im Hinblick auf jüngste Auseinandersetzungen über die Sinnlosigkeit oder die „Rationalität“ staatlich organisierten Tötens im Dritten Reich von Belang sein dürfte. Sie nennt die Konzentrationslager „Laboratorien für das Experiment der totalen Beherrschung“, „Laboratorien, die dazu dienen sollten, Menschen in Reaktionsbündel zu verwandeln“, und die – so schrieb sie 1948 an anderer Stelle – „eine Art Patentlösung für alle Probleme überschüssiger Menschenmassen vorführten“. Mit einem solchen Experiment versprachen sich die faschistischen Herren Kenntnisse, aus denen sie durchaus noch Nutzen zu ziehen gedachten. Arendt hielt es nicht für ausgeschlossen, daß die „Patentlösung“ des nationalsozialistischen Mordsystems Schule machen würde: „Zweifellos wird diese Lösung von nun an für Millionen von Menschen immer dann eintreten, wenn es unmöglich erscheint, politisches, soziales oder ökonomisches Elend in menschenwürdiger Weise zu lindern“, schrieb sie 1948.

Ihre politischen Deutungen aus der Nachkriegszeit besitzen Gültigkeit in doppeltem Sinn: Sie wurden zum großen Teil weder durch spätere Forschung widerlegt noch von politischen Entwicklungen überholt. Das liegt daran, daß ihr theoretisches Antizipationsvermögen und ihre prophetische Kraft ebenso groß sind wie das Beharrungsvermögen und der Wiederholungszwang der Realität. Auch heute wüten „Nationalismus und Stammesdenken“, die den Grundsatz politischer Ethik mißachten, wonach die Idee des Volkes oder des Stammes nicht über die des Menschseins gehoben werden darf. Arendt leugnet nicht die Daseinsberechtigung kollektiver kultureller und nationaler Zugehörigkeit, aber sie lehnt die ethnische Diskriminierung oder den ethnischen Ausschluß innerhalb politischer Gemeinwesen ab.

Für Israel-Palästina, dem zweiten großen Themenbereich des vorliegenden Buches, setzte sie ihre ganze Hoffnung auf die nichtnationalistischen, antichauvinistischen Traditionen im jüdischen und im palästinensischen Volk. Sie forderte die Wiederbelebung universalistischer jüdischer Kultur und jüdisch-arabischer Zusammenarbeit auf der Grundlage von Gleichberechtigung in einer jüdisch-arabischen Konföderation und einer gemeinsamen Wirtschaftsordnung. Insbesondere durch gemeinsame ökonomische Interessen könnte – so hoffte sie – der wildwuchernde Nationalismus im Zaume gehalten werden. Dabei verhehlte sie nicht ihre Bewunderung für das „neue Experiment“ des Aufbaus des jüdischen Nationalheims. Der einzigartige „künstliche Charakter“ des Unternehmens faszinierte sie, eines Unternehmens, das nicht ökonomischen Gesetzen und Notwendigkeiten gehorchte, bei dem „Gewinn- und Verlustrechnungen keine Rolle“ spielten, sondern das dem politischen Willen und dem leidenschaftlichen Drang des jüdischen Volkes nach Gerechtigkeit entsprang. Das Mißgeschick lag – so Arendt – darin, daß dies einzigartige Experiment von Anfang an mit europäischem Nationalismus und Stammesdenken einherging. Dem hielt sie 1943 eine Erkenntnis entgegen, die heute vielleicht als letzte Chance zur Praxis drängt: „Föderative Ordnungen haben große Zukunftschancen, weil sie am erfolgversprechendsten nationale Konflikte lösen und deshalb zur Grundlage eines politischen Lebens werden können, das Völkern die Möglichkeit gibt, sich politisch zu reorganisieren.“

So wenig wie Hannah Arendt die materiellen ökonomischen Triebkräfte politischer Zusammenarbeit vernachlässigte – sie macht die Abschottung des jüdischen vom arabischen Wirtschaftssektor während der Aufbauphase des Zionismus verantwortlich für die jüdisch-arabische Feindschaft –, so wenig fürchtete sie den Vorwurf der Moralität: Kompromißlose Moralität sei „zum einzigen Mittel geworden, mit dem die eigentliche Realität – im Gegensatz zur von Verbrechen entstellten und im Grunde nur kurzlebigen Faktizität – erkannt und planvoll gestaltet werden kann“.