Von Rainer Frenkel

Stuttgart, Ende März

Der Mann auf dem Plakat, ein Bild aus der Provinz. Erwin Teufel blickt denen, die ihn wählen sollen, direkt in die Augen, so wie er es auch im Gespräch stets tut. Im Hintergrund ein blühendes Rapsfeld unter blau leuchtendem Himmel. "Ein Mann wie unser Land", wirbt die CDU Baden-Württemberg für ihren Spitzenkandidaten.

Auf den ersten Blick wirkt dieses Plakat wie der von einem naiven Maler verfertigte Beleg für die allseits kursierende These, der Ministerpräsident sei schwer zu verkaufen. Allzu bieder, allzu altbacken, beinahe hilflos wirkt der Versuch. Eine solche Bildertrachtung entspringt der Gewöhnung: Hat man nicht in all den Wahlkämpfen der vergangenen Jahre Tausende von Plakaten gesehen mit immer den gleichen Köpfen, austauschbaren Karrieristen-Gesichtern, modern, jung und dynamisch? Und nun dies? Könnte es gar sein, daß die Plakatmaler, vielleicht ungewollt, zu anderen Mitteln gegriffen haben, weil das Objekt ihrer Kunst eben auch ein anderes ist?

Anders, das ist Teufel in vielfacher Weise und auf wenig medienwirksame Art. Sätze, die üblicherweise wie wohlfeile Floskeln wirken, haben bei ihm überzeugendes Gewicht: "Man muß sich für andere engagieren und einsetzen", nach "sozialer Gerechtigkeit" suchen. Oder: "Die Demokratie überlebt nur, wenn sie engagierte Bürger hat." Den 1939 geborenen Bauernsohn, daran erinnert er oft, haben schon die katholische Jugendarbeit und Soziallehre beeinflußt und die frühe Beschäftigung mit Nationalsozialismus und Widerstand. Da ist nicht von der Gnade der späten Geburt die Rede. Vielmehr davon, daß "durch christlichen Einfluß die Politik davor bewahrt wird, sich als höchsten Wert und letzten Maßstab mißzuverstehen".

Auch skeptische Beobachter mit anderem geistigen Hintergrund spüren im Gespräch: Der Mann glaubt an das, was er sagt. Er sondert nicht einfach Sprechblasen ab, die schon bei der ersten Berührung mit der Wirklichkeit zerplatzen. Wichtig sind ihm seine Überzeugungen gerade in den gegenwärtigen "Zeiten geschichtlichen Wandels", denn dies, sagt Erwin Teufel, "sind Zeiten von Chancen, aber auch von Umwälzungen und Risiken". Auf solchen Ausflügen denkt er freilich immer an den britisch-österreichischen Philosophen Karl Popper, der geschrieben hat: "Der Versuch, den Himmel auf Erden zu verwirklichen, produziert stets die Hölle."

Das ist gewiß schwer verkäufliche Ware, und der, der sie anbietet, ist es nicht minder. Wie ist es da zu erklären, daß Teufel, gerade fünfzehn Monate im Amt, in Baden-Württemberg so offenkundig gut ankommt, daß er sich selbst so gut verkaufen konnte? Schließlich war dies bis in den Januar 1991 hinein das wie ein kumpelhafter König regiert hat, sprunghaft, angeblich kulturversessen, ein sprücheklopfender Technikfreak, der schließlich abtreten mußte, weil er sich im selbstgebastelten Dreiecksverhältnis von Politik, Wirtschaft und Justiz unrettbar verfangen hatte.