Die Mitglieder des amerikanischen Kongresses haben im Augenblick nichts zu lachen. Sie werden kritisiert, beschimpft und rücken immer mehr an das Ende der allgemeinen Respektskala. Ihnen gilt der Vorwurf der Untätigkeit und Unentschlossenheit ebenso wie die Anklage der Korruption und Selbstbedienung. Jetzt hat einer von ihnen seinem Herzen Luft gemacht. Doch sein Zorn richtet sich nicht nur gegen die Politiker, er soll auch Amerikas Wähler treffen.

Der mutige Mann heißt Warren Rudman. Er ist Senator für New Hampshire, einen US-Staat, in dem Unabhängigkeit und Widerspruchsgeist schon immer gut gediehen. Der Konservative mit Augenmaß zählt zu den Stützen des Senats, ein versierter, kantiger Veteran auf dem Kapitolhügel. Seine wichtigste politische Initiative trägt auch seinen Namen, das Gramm-Rudman-Gesetz. Es sollte ab Mitte der achtziger Jahre die dramatisch steigenden Haushaltsdefizite eindämmen. Doch weil das Gesetz nicht griff und die Löcher im amerikanischen Haushalt seither ungebremst weiterwachsen, hat der Senator nun die rhetorische Notbremse gezogen.

Deutlicher als jeder andere Politiker vor ihm brandmarkt er die übermäßige Staatsverschuldung als Erzübel Amerikas. Seine Rechnung belegt das Desaster: Bis zu 65 Prozent des Haushalts müssen für gesetzlich festgelegte Ausgaben verwendet werden. 14 Prozent verschlingen die Verteidigungskosten und 17 Prozent der Schuldendienst. Die Lage verschlimmert sich weiter. 400 Milliarden Dollar fehlen im nächsten Budget; zum Ende des Jahrzehnts wird die Lücke laut Rudman auf 700 bis 800 Milliarden anwachsen. Diese Defizite engen nicht nur die Gestaltungsmarge der Politik ein, im Gesundheitswesen, im Bildungssystem oder beim Straßenbau. „Wir haben Amerika in den Bankrott getrieben“, klagt hinzufügend der Senator John C. Danforth und verstärkt damit den Warnruf seines Kollegen.

Die Fehlentwicklungen, die Warren Rudman anprangert, grassieren heute in beinahe allen westlichen Demokratien. Auf der einen Seite eine kleinmütige, richtungslose Politik, die der Wahrheit nicht ins Auge blickt. Auf der anderen Seite anspruchsvolle, irregeführte Wähler, die immer mehr vom Staat verlangen und immer weniger zu Opfern bereit sind.

Dieser Widerspruch hat im amerikanischen Wahlkampf einen Höhepunkt erreicht. Verwirrten und mutlosen Politikern stehen wütende und fordernde Wähler gegenüber. An beide wendet sich Rudman mit der Aufforderung, endlich den Ernst der Situation zu begreifen. Er vergleicht Amerikas wirtschaftlichen und sozialen Niedergang mit der Herausforderung von Pearl Harbour, dem japanischen Angriff auf die US-Kriegsmarine. „Wir müssen uns zusammenscharen“, verlangt der Republikaner, und er scheut sich auch nicht, den Demokraten John F. Kennedy als letzten Kronzeugen der jüngeren Geschichte für Opfermut und Einsatzwillen anzurufen.

Doch der Senator sieht sich selbst längst als Kassandra, ungehört und wirkungslos mit seinen Klagen. Lohnt es sich überhaupt noch, Politik zu betreiben? Kann ein Politiker noch irgend etwas bewegen? Warren Rudman stellt die Fragen, und er verneint sie. Zugleich liefert er den Beweis für Glaubwürdigkeit: Obwohl er nahezu unangefochten sein Mandat für weitere sechs Senatsjahre verteidigen könnte, tritt er nicht mehr an. Fanal eines Aufrechten? Noch steht die bittere Wahrheit nicht auf der amerikanischen Tagesordnung. D. B.