Von Joachim Fritz-Vannahme

Paris, Ende März

In der Comédie des Champs-Elysees wird an diesem Dienstagabend "Pièce Montée" gegeben. Wir kennen diese Boulevardkomödie um eine riesige Überraschungstorte nicht und finden im übrigen das Stück im Staatsschauspiel gleich nebenan viel aufregender: "Endspiel im Elysee", wider Willen inszeniert von François Mitterrand nach einer Vorlage, die der französische Wähler ihm an den beiden vergangenen Wochenenden aufdrängte. Gesucht wird dabei ein Regierungschef, der in aussichtsloser Lage noch eine gute Figur macht und dabei kein Sterbenswörtchen fallenläßt, wer ihn und seine noch regierenden Sozialisten in solche Bredouille gebracht hat. In dieser undankbaren Rolle erwartete die Pariser Kritik in den letzten Stunden vor der Premiere bald Kulturminister Jack Lang, bald Wirtschaftsminister Pierre Bérégovoy, gelegentlich auch den einstigen Justizminister Robert Badinter oder Außenminister Roland Dumas, am liebsten aber den Präsidenten der EG-Kommission Jacques Delors und am Ende in gewisser Ratlosigkeit gar Edith Cresson selbst.

Die Premierministerin, erste Frau im Amt, mit viel Courage und ohne Fortune, wich für den Geschmack des Publikums nie weit genug vom Text ab, den ein anderer ihr diktiert hatte. Für die Franzosen blieb sie in den zehn Monaten der Macht immer eine Art Eliza Doolittle, ein Geschöpf ihres Pygmalion und Präsidenten, der mit Edith Cresson nur zu gern seine Landsleute "überrascht" und für sich zurückgewonnen hätte. Am Ende mußte François Mitterrand erleben, daß die Wähler gleich an zwei Sonntagen die Premierministerin straften, den Präsidenten damit meinten und sein Wunschstück für abgesetzt erklärten.

Vergleiche mit dem Theater drängen sich leicht auf in diesen turbulenten Tagen, nachdem Mitterrand und die regierende Linke in den Regional- und Kantonalwahlen eine vernichtende Niederlage einstecken mußten. Frankreichs politische Szene wurde in diesen zehn Tagen umgestürzt, wobei es wenig Unterschied machte, ob in Verhältniswahl oder absoluter Mehrheitswahl abgestimmt wurde. Das Alte liegt in Trümmern, das Neue ist noch ohne Ordnung. Unregierbar wirken darum nicht nur viele Regionen.

In Burgund etwa eroberte Jean-Pierre Soisson, einst ein Vertrauter von Raymond Barre, zuletzt als Symbolfigur einer Öffnung zur bürgerlichen Mitte im Kabinett Cresson Minister für den öffentlichen Dienst, den Präsidentensessel im Dijoner Regionalparlament. Freilich verlor Soisson darüber sein Ministeramt, hatte er sich doch auch von den Abgeordneten der rechtsextremen Front National küren lassen, selbst wenn er um deren Beistand nicht gebeten hatte. Die verpönte, verbotene Allianz mit den Rechtsextremen hatte Edith Cresson im Wahlkampf genüßlich zum Schreckensbild ausgemalt: Nur hatte sie dabei an die Konservativen und Liberalen gedacht und nicht an einen Minister der eigenen Regierung...

Im benachbarten Lothringen erging es ihrem Postminister Jean-Marie Rausch, auch er ein ins linke Lager gewechselter Liberalkonservativer, nicht besser als Soisson. Vor dem Zorn von Madame Cresson und einem Amtsverlust in Paris rettete Rausch nur sein Rücktritt als frisch gewählter Präsident der Region. Im Norden, wo die Linke, eingebettet in ein Industrie- und Arbeitermilieu, schon ein halbes Jahrhundert regiert, verlor sie den Vorsitz in der Region an eine grüne Politikerin. Gerade sechs Prozent der Wähler entschieden sich für deren Partei, doch am Ende machte eine völlig zersplitterte Linke die Umweltschützerin zur Regionalpräsidentin, um wenigstens einen Rest an Macht zu retten. Auch hier kein Staatstheater, sondern nur eine Provinzposse.