Von Janusz Tycner

WARSCHAU. – Alltagssorgen beeinträchtigen bekanntlich den Weitblick. Dennoch überrascht es, daß in Polen noch immer keine ernsthafte Debatte über die Perspektiven und Auswirkungen der immer enger werdenden Anlehnung an die EG begonnen hat. Zwar hört man lautstarke, fast schon rituelle Beschwörungen, "die Rückkehr nach Europa" zu beschleunigen. Doch die Polen sind, ähnlich wie die Ostdeutschen, vor allem mit der eigenen Vergangenheit beschäftigt. Gleichzeitig versuchen sie, so gut es geht, mit den Widrigkeiten des täglichen Lebens fertig zu werden, während zerstrittene Politiker fieberhaft nach Auswegen aus einer tiefen Rezession suchen, in der sich das Land befindet.

Unterdessen rückte Polen still und ohne Fanfaren zusammen mit Ungarn und der Tschechoslowakei ökonomisch ein gutes Stück an die EG heran. Das Inkrafttreten von gleichlautenden Interimsabkommen sichert den drei Reform-Vorreitern aus dem Osten ab sofort wichtige Vorteile im Handel mit der Europäischen Gemeinschaft. Es läutet zugleich die stufenweise Schaffung einer Freihandelszone ohne Zölle, Kontingente und Ergänzungsabgaben ein, die es spätestens bis 1999 geben soll. Angesichts des enormen ökonomischen Gefälles dürfen die drei ostmitteleuropäischen Staaten langsamer als die EG ihre Beschränkungen zum Schutz der heimischen Wirtschaft abbauen.

Weit wesentlicher aber ist, daß zugleich die langwierige Ratifizierungsprozedur der großen Assoziierungsverträge der EG mit Warschau, Prag und Budapest durch das Europäische Parlament und die Parlamente aller fünfzehn beteiligten Staaten in Gang gekommen ist. Bis Ende 1992 sollen alle diese Institutionen ihr Plazet für die umfangreichen Abkommen geben, deren Bestimmungen über die bisher übliche EG-Assoziierung weit hinausgehen, weil sie auch die politische und kulturelle Zusammenarbeit umfassen.

Zumindest nach den Vorstellungen der Reformländer sollten die Verträge zu Beginn des nächsten Jahrtausends in die volle EG-Mitgliedschaft einmünden. Vor allem dank der deutschen Beharrlichkeit wird dieses Fernziel in den Präambeln aller drei Assoziierungsabkommen auch ausdrücklich genannt, allerdings ohne zeitliche Festlegung.

Doch ist den Polen überhaupt bewußt, welche Chancen und Risiken die Entwicklung in Richtung EG birgt? Was halten sie überhaupt von der Gemeinschaft? Die einzige Meinungsumfrage zu diesem Thema, Anfang Januar 1992 durchgeführt, stimmt eher nachdenklich. Ein Drittel der eintausend Befragten konnte weder etwas konkretes über die EG sagen noch die Abkürzung entschlüsseln. Nur jeder fünfte war in der Lage, die Zahl der EG-Mitgliedsstaaten zu nennen. Immerhin aber haben sich achtzig Prozent derjenigen, die über die Gemeinschaft einigermaßen informiert waren, für den Beitritt ausgesprochen.

Dieses changierende Bild wird verdunkelt durch das Ergebnis einer nur einen Monat zuvor durchgeführten Umfrage, in der die EG nicht erwähnt wurde. 52 Prozent der Teilnehmer waren dafür, daß Polen ein eigenes Staatsmodell entwickeln solle, ausschließlich auf der Grundlage seiner nationalen und katholischen Tradition. Nur 47 Prozent sprachen sich für einen Staat nach westlichem Muster aus. Die nationalkonservativen Europa-Gegner verfügen in Polen über einen erheblichen Einfluß. Die Tatsache, daß allein im Zuge der Anpassung an das EG-Recht 7000 polnische Gesetze und Verordnungen abgeändert werden müßten, wird ihnen genauso den Rücken stärken wie der Verlust eines großen Teils der Souveränität an Brüssel. Die Befürchtung, viele polnische Betriebe könnten das Jahr 1999, in dem die letzten Zölle abgeschafft werden sollen, nicht überleben, wird für zusätzlichen Widerstand sorgen.