Kreuzfahrer haben es gern bequem und begnügen sich mit Tagesausflügen in die fremden Länder

Von Horst Krüger

Sicher, für jedermann ist das nichts. Junge Leute sollte man warnen. Die Kreuzfahrt ist die klassische Urlaubsform reiferer und gesetzterer Persönlichkeiten. Es sind Menschen, die den Rucksack-Tourismus, die Autotour in den Süden, auch den Flug nach Mallorca oder Tunesien längst hinter sich haben. Sie dürfen schon etwas gebrechlich und steifbeinig sein, auch etwas wunderlich.

Was unerläßlich ist: Sie müssen über solide Brieftaschen und hinreichend Zeit verfügen. Auch sollten sie von geselliger, ja heiterer Lebensart sein. Intellektuelle Harmlosigkeit ist dem Reisevergnügen förderlich. Notorische Einzelgänger, ausgesprochene Eremiten sind auf unseren Luxus-Linern fehl am Platz. Wie geräumig das Schiff auch sei: Tatsächlich kann man sich auf hoher See schwer aus dem Weg gehen. Der gehobene Durchschnitt stellt heute die Elite dar.

Wer also ist der ideale Kreuzfahrer? All meine Erfahrungen sagen: der Chefarzt einer Klinik (mit Gattin, versteht sich), der, Mitte Sechzig, endlich in Pension gegangen ist. Er kann sicher sein, auf hoher See weder von Patienten noch Krankenkassen behelligt zu werden. Die Witwe eines Fabrikanten, die das Ende ihres Lebenspartners zu verschmerzen sucht, auch neuen Bekanntschaften entgegensieht. Gut vertreten ist immer das jugendlich-rüstige Ehepaar aus dem Sauerland, das zu Hause einen Parfümerieladen betrieb und inmitten seines Berufsstresses nie dazu kam, seinen privaten Träumen nachzugehen. Sie alle, aber auch Tankstellenbesitzer und Karosseriebauer (die letzteren vornehmlich aus Niederbayern), sind prädestiniert, in diese jüngste Elite einzurücken.

Was treibt sie aufs weite Meer? Was der Mensch immer sucht, solange er noch lebendig ist: das Fernweh, der Geschmack und Geruch der Fremde. Je exotischer, desto besser. Der Reiz der Schiffsreise besteht ja in der neuen Dialektik der Existenz, in die man nun einschwingt: Du bist in fernen Erdteilen und doch daheim, beinah. Du schwimmst auf Südafrika zu und bleibst doch zu Hause in deiner vertrauten Kabine. Unser Schiff ist wie ein Muttertier, das dich trägt und begleitet.

Kreuzfahrten in die Karibik etwa führen durch die Poesie und das Elend unterentwickelter Länder. Man nippt an der Armut, aber möchte ihr nicht zu nahe kommen, bitte! Sind wir auch gegen alles geimpft? Ein Ausflug von vier Stunden genügt. Man erfährt die Dritte Welt vom Busfenster aus. Die Menschen hier sind braun und fröhlich. Sie lachen immer, wenn die Bustür sich öffnet. Warum ist die Armut überall in der Welt so heiter und lebensfroh?