Von Karl Holl

Selbstverwaltung Irlands innerhalb des britischen Staatsverbandes – „Home Rule“ – war die Formel, unter welcher die irische Nationalbewegung in einem neuen Aufbruch Anfang der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts angetreten war, zunächst im Zeichen des politischagitatorischen Talents von Charles Stewart Parnell. Nach dessen dramatischem Untergang lebte die Forderung um die Jahrhundertwende wieder auf, seit die irische Fraktion im britischen Unterhaus, geführt von John Redmond, reorganisiert und wiedererstarkt war. Home Rule war zur Schicksalsformel geworden, für Iren und Briten gleichermaßen. Gladstone als Premierminister war an ihr gescheitert. Als einer seiner liberalen Nachfolger, Herbert H. Asquith, die Home-Rule-Bill Ende Mai 1914 zum drittenmal in seiner Amtszeit im Parlament einbrachte, fand sie, wie vorher, zwar im Unterhaus die erforderliche Mehrheit, nicht dagegen im mehrheitlich unionistischen Oberhaus, das bei seiner schroffen Ablehnung verharrte.

Ob das Home-Rule-Konzept zur dauerhaften Befriedung Irlands je in die Wirklichkeit würde umgesetzt werden können, blieb zweifelhaft, seit die Opposition im überwiegend protestantischen Norden der Insel sich anschickte, Home Rule mit militanter Gewalt abzuwehren. Auch im Süden hatten sich Zentren entschiedenen Widerstandes entwickelt. Ihnen genügte Home Rule nicht mehr zur Befriedigung des Bedürfnisses nationaler Emanzipation Irlands. Als Vertreter einer ebenso romantischen wie politisch radikalen gälischen Renaissance, strebten sie die Trennung von England und die irische Republik an, so die Sinn-Fein-(„Wir-selbst“-)Bewegung, deren Ideologe Arthur Griffith die Lockerung der irisch-englischen Verbindung nach ungarischem Vorbild betrieb, so die halb-konspirative „Irisch-Republikanische Bruderschaft“, so schließlich die um James Connolly geschalte junge sozialistisch-syndikalistische Arbeiterbewegung Irlands mit dem Ziel einer „Arbeiter-Republik“ irischer Prägung.

Ihre Feuerprobe hatte die Dubliner Arbeiterbewegung im großen Streik von 1913 erlebt, und seither bereitete sich Connolly mit einer paramilitärischen Truppe („Citizen Army“) auf den Sturz der britischen Herrschaft in Irland vor. Die britische Regierung hatte gute Gründe, die Anwendung von Home Rule auszusetzen, um die Gefahr einer irischen Front im Rücken Englands abzuwenden, als Großbritannien in den Ersten Weltkrieg eintrat.

Dennoch: Die Mehrheit der irischen Bevölkerung, auch im katholischen Süden, vertraute weiterhin auf das Home-Rule-Versprechen, jetzt für die Zeit nach dem Kriege. Redmond erwies sich als loyaler Bundesgenossen der britischen Regierung, viele Iren meldeten sich freiwillig zur britischen Armee, mehr als 50 000 von ihnen gaben ihr Leben für England, die meisten an der Front in Flandern. Kein Wunder also, daß der frühere britische Konsulatsbeamte Sir Roger Casement, unter dem Einfluß seiner irischen Mutter zum glühenden Verfechter der irischen Sache geworden und deshalb der deutschen Kriegführung willkommen, sowenig Erfolg hatte, als er unter den irischen Soldaten im Gefangenenlager bei Limburg an der Lahn für die Teilnahme an der bewaffneten Erhebung für eine Republik Irland warb. Casement war aus den USA über das neutrale Norwegen nach Deutschland gereist. Spätestens jetzt hatte die britische Regierung Wind von der Sache bekommen.

Als der Aufstand – mitten im Krieg, in Dublin, am Ostermontag, 24. April 1916 – nun doch zur Überraschung der Londoner Regierung losbrach, erlebten seine Führer das irische Volk alles andere als enthusiastisch, sondern gleichgültig, ja feindselig. Wie sooft in der Geschichte der irischen Rebellionen, litt auch dieser Aufstand von Anfang an unter Fehlschlägen: die halbherzige deutsche Unterstützung, die mißglückte Anlandung von Waffen aus deutschen Beständen, die Festnahme Casements, nachdem ein deutsches Unterseeboot ihn an der irischen Küste abgesetzt hatte, fatale Mißverständnisse bei der Übermittlung des Termins für das Losschlagen, Unklarheiten bei der Organisation der Erhebung – der Charme revolutionären Dilettantismus allenthalben!

Was folgte waren fünf lange, quälende, blutige, wirre Tage, in denen nicht mehr als eintausend schlecht bewaffnete, aber verbissen kämpfende Insurgenten ihre Stellungen gegen eine erdrückende Übermacht von regulären britischen Soldaten verteidigten. Am Ende blieb den Anführern nur die Kapitulation. Die britische Armee erwies sich nicht als großmütige Siegerin. In kriegsgerichtlichen Schnellverfahren wurden fünfzehn Anführer, darunter der schwerverwundete Connolly, als Hochverräter zum Tode verurteilt, alle wurden sofort erschossen. Viele hundert Kämpfer wurden in ein Lager nach Wales deportiert. Casement wurde Anfang August 1916 in London gehenkt.