Bamberg

Lange Zeit galt die Stadt als fränkisches Rom, und das nicht nur, weil sie wie die Ewige Stadt auf sieben Hügeln erbaut ist. Das ganze mittelalterlich gefügte Städtchen scheint sich zum Domberg hin zu orientieren, wo der Erzbischof residiert und wo in der monumentalen Architektur rund um den Domplatz der Katholizismus noch einmal zu seiner alten Pracht und Macht findet.

Just in diese fromme, traditionsschwere Beschaulichkeit platzte kürzlich ein Kreis von liberalen Theologen und Kirchenleuten mit seiner Kampagne gegen den Zölibat: Das Festhalten der katholischen Kirche an der Ehelosigkeit der Priester sei ein "Tanz ums Goldene Kalb", eine "buntere Kirche" müsse her. Einer der Wortführer, Domvikar Clemens Löffler, stammt sogar aus dem Erzbischöflichen Ordinariat.

Der Bayerische Rundfunk, den Nöten der katholischen Kirche gegenüber seit jeher besonders aufgeschlossen, schickte sogleich einen Ü-Wagen in die oberfränkische Bischofsstadt und veranstaltete ein Bürgerforum unter dem Titel "Kirche im Abseits?" Ein jovialer Moderator ließ die kirchlichen Honoratioren bei dieser Gelegenheit kräftig abwiegeln – die Krise sei nur herbeigeredet, alles halb so schlimm, man solle doch die Kirche im Dorf lassen. Dennoch räumt Generalvikar Alois Albrecht ein, daß die Anti-Zölibat-Kampagne "hohe Wellen" geschlagen habe, und die Verärgerung darüber ist ihm anzumerken.

Dabei gibt es handfeste Gründe für das Notsignal, das die Initiative um den Pastoraltheologen Ottmar Fuchs, den Kirchenrechtler Alfred Hierold, den Regens des Priesterseminars, Wolfgang Klausnitzer, und die Domvikare Peter Wünsche und Clemens Löffler aussandte. Von den 299 Pfarrstellen in der Erzdiözese Bamberg haben 57 keinen residierenden Pfarrer, 39 sind völlig unbesetzt. Gleichzeitig steigt auch hier, in einer Hochburg des Katholizismus, die Zahl der Kirchenaustritte – zwischen 2000 und 3000 Menschen kehren jedes Jahr der Kirche den Rücken. Und immer weniger junge Menschen schlagen eine berufliche Laufbahn innerhalb der Kirche ein.

Inzwischen sieht es freilich so aus, als seien die Zölibatskritiker über ihren eigenen Mut erschrocken. Ein paar Wochen nach der Pressekonferenz klingen die Töne schon gedämpfter. So ist es dem Leiter des Priesterseminars peinlich, daß ausgerechnet sein Name in Verbindung mit dem anstößigen Bild vom "Goldenen Kalb" aufgetaucht ist; so kraß hätte er das nun doch nicht formulieren wollen. Und der Pressesprecher des Erzbischöflichen Ordinariats legt größten Wert darauf, daß er auf keinen Fall öffentlich zitiert wird.

"Abends beim Bier oder in einem abgeschiedenen Hinterstübchen, da schimpfen viele über den Zölibat", erzählt Domvikar Clemens Löffler, in eine dicke Zigarillo-Wolke gehüllt, "nur öffentlich trauen sie sich nichts zu sagen." Er fühlt sich als Sprachrohr vieler Unzufriedener; auch wenn er selbst erfahren mußte, daß so mancher rechtschaffene Christ in der Zölibatsfrage keinen Spaß kennt. Böse Anrufe und Briefe hat Clemens Löffler nach seinem Auftritt bei der Pressekonferenz bekommen. Er sei der Kirche in den Rücken gefallen, oder, einige Grade wüster, ihm gehe es "doch auch nur ums Bumsen".