Der Nimbaum ist ein erstaunlich vielseitiger Lieferant von Insektiziden, Arzneien, Bau- und Brennholz

Von Peter Düweke

Im Jahr 1959 war der deutsche Zoologe Heinrich Schmutterer Zeuge der Verheerungen, die Heuschreckenschwärme im Sudan anrichteten. Schmutterer mußte entsetzt mit ansehen, wie die „achte Plage“ über Pflanzen und Saaten kam. Einen Baum jedoch verschonten die gefräßigen Tiere. Zwar ließ sich eine ganze Wolke von ihnen auf ihm nieder, doch sie stieg nach einiger Zeit wieder auf, ohne auch nur ein Blatt angeknabbert zu haben. Schmutterer und mit ihm eine ganze Armada von Wissenschaftlern in aller Welt nahmen fortan den Nimbaum (Azadirachta indica) unter die Lupe. Dessen Wirkstoff, Azadirachtin, so fanden sie schon bald heraus, ist ein höchst wirksames und zugleich äußerst umweltschonendes Insektizid.

Im Samen der olivenartigen Nimfrüchte fanden die Forscher drei bis vier chemisch verwandte Hauptkomponenten, von denen die wirksamste das Azadirachtin ist. Daneben enthält der Samen rund zwanzig weitere Wirkstoffe. Azadirachtin tötet Insekten nicht sofort. Es schreckt einige Arten ab, andere stört es im Wachstum und in der Fortpflanzung. Azadirachtin hat Ähnlichkeit mit den Häutungshormonen der Insekten, den Ecdysonen. Wahrscheinlich wirkt es als ein „Ecdyson-Blocker“, indem es Ecdyson-Rezeptoren im Insektengehirn blockiert. Viele Insektenlarven, die mit Azadirachtin behandelt werden, häuten sich nicht mehr normal und sterben, bevor sie geschlechtsreif werden.

Auf diese oder ähnliche Weise töten Nimextrakte mehr als 200 Insektenarten, daneben viele Milben, Fadenwürmer, Pilze, Bakterien und sogar einige Viren. Unter den empfindlichen Organismen befinden sich bedeutende landwirtschaftliche Schädlinge wie der mexikanische Bohnenkäfer, der Kartoffelkäfer, Heuschrecken, Blattläuse, sechs Arten von Küchenschaben, Schädlinge im Reis-, Kohl-, Kaffee-, Baumwoll- und Tabakanbau. Im Experiment fressen sogenannte Japankäfer unbehandelte Sojabohnenblätter in 48 Stunden bis auf das Blattgerippe auf. Die Käfer aber, die zusammen mit nimbehandelten Blättern in ein Gefäß gesteckt werden, verhungern lieber, als daß sie nur einen Bissen fressen.

Natürliche „Dorfapotheke“

Begießt man Weizen, Gerste, Reis, Zuckerrohr, Tomaten, Baumwolle oder Chrysanthemen mit Wasser, das Nimextrakte enthält, dann sind die Pflanzen von innen (systemisch) vor Schädlingen zehn Wochen lang geschützt. Ferner schützen Nimprodukte Mais, Hirse und Bohnen nach der Ernte vor Vorratsschädlingen. Gleichzeitig ist Nim für Warmblüter (Vögel und Säugetiere) ungiftig und verschont verschiedene „Nützlinge“ wie Regenwürmer, Spinnen, Marienkäfer und Bienen. In den Vereinigten Staaten wurde das nimhaltige Präparat Margosan-O an zwei Vogelarten, an Fischen, Ratten, Meerschweinchen und am Bachflohkrebs getestet und für ungefährlich befunden.