Seinen richtigen Namen hat er verschwiegen, und an seiner Berliner Wohnungstür stand nicht einmal sein Pseudonym. Es gehörte ihm ohnehin nur ein Zimmer in dieser Wohnung – Bett, Tisch, Stuhl. Und im verstaubten Wohnzimmer, das er benutzen durfte, lag neben dem Fernseher ein aufblasbares Gummikrokodil. Auch seine Telephonnummer war geheim. Nicht deshalb, weil sonst zu viele Verleger oder Intendanten angerufen hätten. Ein Gebot der Vorsicht: Es war ihm wohl nicht ganz geheuer – so mitten unter uns.

Er war ein Jude aus Prag. Von seiner Familie waren nach dem Holocaust nur noch die Mutter übrig und ein weiterer Verwandter, Teddy Kollek, der Bürgermeister von Jerusalem. 1968, nach dem Ende des Prager Frühlings, kam Zochow über die grüne Grenze nach Österreich. Er war damals dreizehn Jahre alt. Seine Mutter hatte noch ein bißchen Geld, und so konnten sie in einem kleinen Hotel in Klosterneuburg wohnen. Ihre Bekannten kamen in das Auffanglager Traiskirchen bei Wien und erzählten Horrorgeschichten.

„Traiskirchen“ heißt eines von Zochows Stücken, das ein Lagerleben beschwört, von dem man nie genau weiß, ob es sich vor oder nach 1945 ereignet. In Traiskirchen findet bei Zochow zwischen Nachmittag und Mitternacht ein Lagerfest statt – mit Kuchen und Glücksspielen und der Vorführung eines Films mit Paul Hörbiger. Es ist wie immer in Zochows Stücken: Stimmen flüstern durch die Nacht, Schüsse gellen, Schreie verhallen. Und Abraham, ein (un)toter Jude, geistert durch die Welt: „Ich komme an Orte, die ich nie gesehen habe, wo es keine Straßen gibt, keinen Weg, keine Spur. Und wenn mir das scharfe Gras in die Beine schneidet, denke ich: Alles besser als Menschen!“

Es ist viel Nacht in Zochows Theater. Und Sternenschein. Zochows Texte sind märchenhaft leicht, mondsüchtig und somnambul. Wie Nachtfalter flattern die Menschen durch die Welt. „Taumeln in die Kerzen“, schreibt Zochow, „löschen sie und versengen selber.“ Wenn man ihn fragte, was das denn eigentlich für Stücke seien – diese irrlichternden Dialoge, dieser helle Aberglaube, diese magische Poesie –, sagte er: „Sommernachtsträume.“ – „Allen, die sich mit ‚Traiskirchen‘ beschäftigen sollten“, schreibt er in einem Vorwort, „möchte ich dringend davon abraten, nach einer versteckten Bedeutung zu suchen, denn es gibt keine. Das Stück sollte möglichst leicht, unbeschwert und in heiterem Konversationston gespielt werden.“

In einem Kino in der Berliner Yorckstraße verkaufte Zochow Eintrittskarten und Gummibärchen. Davon lebte er, auch dann noch, als man ihm 1990 wie zum Trost für das mangelnde Interesse der Theater an seiner Arbeit den Gerhart-Hauptmann-Preis verlieh. So eine Preisverleihung war für Zochow immer etwas wie ein Ferienbeginn. Wenn er Geld bekam, ging er auf Reisen. Gerade weil er viel vom Tod verstand, verstand er viel vom Leben. Die Schattenseite kannte er zur Genüge. „Ist schwarz und steht vor der Tür. Was ist das?“ – „Unsere rosige Zukunft.“ Ein Flüchtlingswitz aus „Traiskirchen“.

Von Österreich war Zochow in die Schweiz emigriert, wartete Jahre auf seinen Paß, und als er ihn bekam, zog er nach Berlin. Er hatte weiterhin einen Koffer in Prag und einen in Zürich, und eine Zeitlang sehnte er sich nach Wien. In „Neger mit Gazelle“, seiner einzigen Komödie, fragt ein Mann eine Frau: „Wo sind Sie zuhause?“, und die Frau antwortet: „Das weiß ich noch nicht.“

Heimat war ihm kein Begriff und Schuld ein Wort für Moralisten. Über Schuld war mit ihm nicht zu reden, auch nicht über die deutsche. „Die Deutschen sind Menschen“, sagte er lächelnd. Menschen – nicht gut, nicht böse und nicht zu ändern. „Pfeil durchs Herz“, sagte Zochow, „das nennen sie Liebe.“ In „Neger mit Gazelle“ sagt die Frau zum Mann: „Die Freude schulden wir uns noch.“ Und einmal wird ein Künstler gefragt, was denn sein Thema sei. Die Antwort, zugleich eine Absage an den Realismus, fällt schroff aus: „Keine Menschen! Wenn Sie den Tatort unbedingt verewigt sehen wollen, machen Sie ein Foto! Ich kann Ihnen da nicht helfen.“ Den meisten schien Zochow zu schwierig, als Autor und als Mensch.