Küsse mich, wie dir’s gefällt, mein Yava-Lippenstift – er hält!“ Zwei jugendfrische Spitzmäuler begegnen sich. Der junge Mann im Anzug beugt sich per Hohlkreuz ihr entgegen. Seine kesse Herausforderin im Nachmittagskleid, so nannte sich das wohl, zeigt die Wespentaille straffgezurrt. Der Lippenstift dazu kommt von der VEB Yava in Markranstädt bei Leipzig.

Reklame! Für trendige Advertiser und Weber sind die Slogans von gestern pfui. Peinlich verstaubt, nach greller Anpreisung und grobschlächtiger Anmache miefend. Und mag Reklame auch keinesfalls zum kommerziellen Vorbild taugen, so ist ihr doch mittlerweile eine andere Bedeutung zugewachsen. Sie erweist sich als reichhaltige Fundgrube, um die innere und äußerliche Befindlichkeit der Vorläufer-Generation zu studieren.

In diesem Sinn möchte das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden jetzt Spuren sichern. „Wir wollen uns der Aufgabe stellen, gerade die besondere DDR-Geschichte museal aufzuarbeiten“, schreibt sein Direktor Martin Roth. Unter dem Motto „Schmerz laß nach“ steuerten Nachlaßverwalter von Drogerien aus Radebeul und Roßlau, Oschatz, Nossen und Gera bei, was sich noch fand an Tafeln, Tuben, Aufstellern und Schaufensterplakaten. Und es zeigt sich, daß die Drogerie-Werbung einiges verrät vom sozialistischen Selbstverständnis, den angepaßten Hygienevorstellungen und natürlich auch vom Bild der Frau; denn sie ist die umworbene Kundin, immer noch und immer wieder.

Wer diese Produkte noch selbst benutzt hat, seufzt halb wehmütig, halb erleichtert. West-Besuchern ermöglicht die Ausstellung einen Blick zurück in die Steinzeit der Bescheidenheit.

Wie sah er aus, der neue Mensch made in GDR? Gewisse Grundbedürfnisse waren ihm nicht auszutreiben. Hühneraugen, Transpiration und Motten im Kleiderschrank mußten auch im Sozialismus bekämpft werden, und Abhilfe bot die Drogerie, deren Warensortiment damals noch Heilmittel, Kosmetik und Haushalts-Chemie vereinte. Die „Arbeiterinnen der Stirn und der Faust“ hatten aber über die strikte Alltagsbewältigung hinaus noch Wünsche, die ihnen die Partei nicht rundweg abschlagen wollte. Badesalz („Fichtensekt“) und Pudercreme („Täng“), Duftwässerchen („Paris am Abend“) und Haarentfernungscreme („Eva“ – für die feinempfindende Dame). Alle Produkte hatten gleichzeitig den fortschrittlichen Kollektiv-Kriterien zu genügen – sparsam und vernünftig – und sollten zusätzlich sanft die Illusion einmassieren, die Konsumentin im Osten gehöre keineswegs zu den Zukurzgekommenen. Daß längst nicht alles, was da gepriesen wurde, auch tatsächlich erhältlich war ...nun, wer wüßte es nicht.

Ästhetisch, so bleibt festzuhalten, begegnen uns hier alte Hüte: Die Drogerie-Werbung orientierte sich an den dreißiger Jahren. Besonders düster grüßt da die Tafel für Luvos-Heilerde: eine stramme deutsche Mutter, Frakturschrift, Eichenholzrahmen – vor derart besetzter Ikonographie scheute die Werbung im Sozialismus 1952 nicht zurück.

Still und plötzlich kam das Ende: 1972 wurden die wenigen noch privaten Hersteller allesamt in Kombinaten zusammengefaßt. Dahin die angedeutete Auswahl und Konkurrenz. Übrig blieb, was jetzt in Dresden zu bestaunen ist: ein luftdicht abgeschlossenes Grabungsfeld für Alltags-Archäologen. AvM

„Schmerz laß nach“, Drogerie-Werbung der DDR. Deutsches Hygiene-Museum Dresden, bis 26. April. Katalog 80 Seiten, 12 Mark, im Buchhandel 24 Mark.