Von Volker Ullrich

Was wissen wir über die Zeit der Salier? Allenfalls ist uns aus fernen Schultagen in Erinnerung geblieben, wie Kaiser Heinrich IV., angetan im härenen Büßergewand, barhäuptig und barfüßig, in klirrender Winterkälte des Januar 1077 drei Tage lang vor dem Burgtor von Canossa ausharrte, bis Papst Gregor VII. endlich sich erweichen ließ und den reumütigen Sünder vom Bannfluch erlöste – dieses Melodram hat sich unserem Gedächtnis eingeprägt. Der Gang nach Canossa ist im deutschen Wortschatz längst zum Synonym für eine schlimme Demütigung geworden. Und daran wird auch die Erkenntnis der modernen historischen Forschung nichts ändern, daß der "Unterwerfungsakt" ein kluger taktischer Schachzug des mit allen Wassern gewaschenen Salierherrschers war.

Wer sich zum Gang in die Ausstellung "Das Reich der Salier 1024-1125" nach Speyer aufmacht, tut gut daran, sich mit schwerem Gepäck in Gestalt einführender Literatur zu rüsten. Denn ohne eine gehörige Portion Vorwissen, ohne ein entwickeltes kunsthistorisches Verständnis der Epoche wird er die im Historischen Museum der Pfalz angehäuften Schätze nur mit naivem Staunen betrachten, kaum aber in ihrer Bedeutung erfassen können.

Klotzen, nicht kleckern

Einen Rekord gibt es jetzt schon: Noch niemals sind vor einer Ausstellung so viele Bücher erschienen. Allein fünfzehn Bände zählt das vom Jan Thorbecke Verlag betreute wissenschaftliche Begleitprogramm (darunter besonders empfehlenswert die Einführung von Stefan Weinfurter: "Herrschaft und Reich der Salier. Grundlinien einer Umbruchzeit"). Die ungewöhnliche Publikationsflut verdankt sich einem Novum in der deutschen Ausstellungsgeschichte: Dreimal wurde die Eröffnung groß angekündigt, dreimal wurde sie verschoben – aus Gründen, die noch einmal zu nennen wir uns ersparen. Erst im vierten Anlauf gelang, woran niemand mehr zu glauben wagte.

Ausgedacht hatte sich das ehrgeizige Projekt noch der damalige Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, Bernhard Vogel. Wie weiland sein Kollege Filbinger mit dem Staufer-Spektakel in Baden-Württemberg wollte er sich mitsamt seiner regierenden CDU im Glanz vergangener Kaiserherrlichkeit sonnen. Doch dann machte ihm die eigene Partei einen Strich durch die Rechnung, indem sie sich des Landesvaters entledigte. Nun darf der seit 1991 in Mainz regierende Sozialdemokrat Rudolf Scharping die Lorbeeren seiner CDU-Vorgänger ernten – eine fragwürdige Hinterlassenschaft.

Eine Schau der Superlative hatte es werden sollen, doch herausgekommen ist eine sehr traditionelle, fast heimatmuseal anmutende Präsentation mit unverkennbar "rheinland-pfälzischem Gepräge" (Bernhard Vogel) – gewissermaßen eine Fortsetzung der vorausgegangenen Provinzposse mit anderen Mitteln.