Wie die westdeutschen Pädagogen ihre ostdeutschen Kollegen einschätzen und behandeln

Von Otto Köhler

Janus, der römische Gott, ward verehrt als der Beschützer allen Anfangs, sowohl in Beziehung auf alle Geschäfte und Handlungen als in Beziehung auf das Menschenleben selbst. So steht es in „Meyers Neuem Konversationslexikon“ von 1859. Die Römer hielten den Janus-Tempel offen – in Kriegszeiten, damit die Krieger durch die Säulenhalle hinausziehen konnten zu ihren Beutezügen in anderes Land.

So viel Anfang, so viel Ende war noch nie. Und es ist darum ein schönes Zeichen sicherlich unbeabsichtigter Selbstkritik, daß die Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft, deren Vorstand in den Beutezug um ostdeutsche Lehrstühle gezogen ist, das Zeichen des Janus zum Symbol ihres diesjährigen Kongresses erhob. Janus, der Doppelgesichtige: Vierzig Jahre hatte diese Deutsche Gesellschaft gebraucht, bis sich einzelne ihrer Mitglieder Mitte der achtziger Jahre ernsthaft mit der NS-Tüchtigkeit deutscher Erziehungswissenschaftler beschäftigten. Jetzt waren ihre Leute die schnellsten Helfer beim Abräumen ostdeutscher Lehrstühle, nicht nur von den parteitreuen Dienern der Margot Honecker, sondern von allen, mit denen man gestern noch kollegial verkehrte und die man heute als unwissenschaftlich denunziert.

Wenn irgendeine Wissenschaft dazu aufgerufen wäre, sich der Atemlosigkeit des Einverleibungsprozesses entgegenzustemmen, mit dem die alte Bundesrepublik ihre neuen Länder verschlingt und deren Menschen als unverdaulich abstößt – es wäre die Erziehungswissenschaft gewesen. Doch mit einem ungeheuerlichen Mut zur Erziehung sagte sie den minderen, den abzuwickelnden Kollegen im Osten, was wahre Wissenschaft ist und daß nichts von dem, was sie jahrelang betrieben haben, auch nur eines Rückblicks wert ist.

Bittere Worte hatte Professor Wolfgang Steinhöfel, der Präsident der vor zwei Jahren in Opposition zur Erziehungsdoktrin der SED gegründeten Deutschen Gesellschaft für Pädagogik (Ost) der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (West) zu Beginn ihrer Mitgliederversammlung zu sagen: „Wahrscheinlich wird es noch einige Zeit brauchen, bis wir voneinander nicht nur wissen, was wir taten, und dazu noch, warum wir dies so taten, sondern auch voneinander wissen, was wir hätten tun wollen.“

Das war die Antwort auf den ahnungslosen Vorwurf, die ostdeutschen Erziehungswissenschaftler wären vor der Wende deshalb nicht zu den Kongressen der Westkollegen erschienen, weil sie nicht gewollt – und nicht deswegen, weil sie nicht gedurft hätten. Die „lieben Kolleginnen und Kollegen“ bat der unglückliche Ostdeutsche um ein „von Vorurteilen befreites Entgegenkommen, damit wir in wahrer gegenseitiger Achtung gemeinsam unser Geschichtsbild im Vergleich differenzieren können als Voraussetzung für das, was sein wird“.