Sein Blick geht in die Ferne, wahrscheinlich nach Alaska, wo Freiheit und Abenteuer warten oder Gold oder nichts von allem. Die Kapuze hat er tief ins Gesicht gezogen und darüber verwegen einen Cowboyhut gedrückt. Die Wangen sind gegerbt von den Stürmen. Aus seinen Augen aber blitzen Hoffnung und Entschlossenheit eines Glückssuchers. Wenn sich der Vorhang hebt im Stuttgarter Staatstheater, blicken wir zuallererst auf Schwarzweißphotographien dieses unbekannten Alaskafahrers. Dutzendfach hängen sie an den Wänden einer leeren Halle mit hohen Fenstern und schwarz gelacktem Boden, aneinandergereiht wie in einer Ausstellung. Mit einem sehnsuchtsvollen Blick in eine ferne, bessere Zukunft läßt Ruth Berghaus ihre Inszenierung beginnen, denn gestrandete Glückssucher voller Illusionen sind schließlich alle, die an "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" mitwirken.

Auch die Witwe Begbick, Fatty und Dreieinigkeitsmoses tragen den Hut über der Kapuze. Wie vom Schicksal hingewürfelt, liegen sie in der ersten Szene auf einer breiten Treppe, die in der Bühnenmitte in die Halle hinabführt. Nach und nach purzeln sie die Stufen hinunter. Ihr orangener Straßenkehrer-Look läßt erahnen, daß sie nicht gerade zur besseren Gesellschaft gehören. Das allerdings wird sich ändern. Am Ende der Oper tragen sie längst kostbarste Abendgarderobe. Zunächst aber läuft der neugegründete Laden, das "Hotel zum Reichen Mann", gar nicht gut. Der entscheidende Aufschwung läßt auf sich warten und kommt dann doch ganz überraschend (und bei Ruth Berghaus viel früher als im Stück): Sechs Jungmanager im gedeckten Zweireiher laufen da plötzlich für einen kurzen Augenblick, lässig schlendernd, durchs Bild. "Sind da nicht etliche gekommen heute?" fragt die Begbick. "Sie sahen aus, als ob sie Geld hätten ..."

Die Stadt Mahagonny, schrieb Adorno 1930, sei "eine Darstellung der Welt, in der wir leben, entworfen aus der Vogelperspektive einer real befreiten Gesellschaft. Kein Symbol für dämonische Geldgier, kein Traum desperater Phantasie, überhaupt nichts, was ein anderes bedeute, als es selber ist: sondern die exakte Projektion der gegenwärtigen Verhältnisse auf die unberührt weiße Fläche des Zustands, der werden soll..." Wer will da gut sechzig Jahre später widersprechen? Sosehr unsere Welt auch heute noch die Züge eines "Mahagonny" tragen mag, etwas Entscheidendes hat sich doch geändert: "Der Zustand, der werden soll", gehört schon wieder der Vergangenheit an. "Aus der Vogelperspektive einer (sozialistisch) befreiten Gesellschaft" läßt sich die Oper von Kurt Weill und Bert Brecht nicht mehr erzählen. Offenbar war dies für Ruth Berghaus Herausforderung genug, sich des Stücks anzunehmen. Sie hat "Mahagonny" nun zum ersten Mal inszeniert, und mancher Stuttgarter Premierenbesucher war insgeheim auf eine böse Abrechnung der Ost-Regisseurin mit der deutschen Wiedervereinigung gefaßt. Daraus allerdings wurde nichts. Für vordergründige Aktualisierungen ist Ruth Berghaus nicht zu haben. Sie entwirft auch "Mahagonny" mit ihren Mitteln abstrakter Chiffrierung, wobei die szenischen Widerspenstigkeiten und Rätsel, die sie uns in ihren Regiearbeiten auferlegt, dieses Mal weit weniger equilibristisch ausfallen als sonst.

Da konnte, wer wollte, sich fast im bürgerlichen Sinne amüsieren, denn alles ist edel, ja geradezu schick in dieser Inszenierung. Der Bühnenbildner Hans-Joachim Schlieker hat mit seinem lichtdurchfluteten Einheitsraum das vornehme Ambiente einer Hotelhalle angedeutet. Marie-Luise Strandt geizt nicht mit Ausstattungsluxus und läßt die Garderobe im Laufe des Abends immer teurer und eleganter werden. Die Chor-Tableaus sind geradezu operettenhaft durchchoreographiert. Die Mädchen von Mahagonny, die zunächst als artige BDM-Riege im Turnleibchen erscheinen, üben sich im Revueschritt der zwanziger Jahre. Am cremefarbenen Flügel, der aus dem Schnürboden auf die Bühne herabschwebt, lehnt Jimmy Mahoney und singt wie José Carreras im Kreise seiner Verehrer. Wenn die Männer dann nach der Pause zu einem Opernball-Diner im schwarzen Frack zusammenkommen, fühlt man sich sogar ein wenig an den zweiten Akt der "Fledermaus" erinnert. Der junge Dirigent Markus Stenz und das ausgezeichnete Sängerensemble um Reinhild Runkel (Begbick), Gabriel Sade (Jimmy) und Dagmar Pecková (Jenny) rückten das Stück mit bisweilen stark gedehnten Tempi und großer Ariengeste auch musikalisch weg vom bissigen Songspiel und hin zur großen Oper.

Ruth Berghaus gestattet sich in dieser Inszenierung verblüffend selbstverständlich, was sie andernorts hartnäckig verweigert – die Stilmittel konventioneller Opernkulinarik. Mit böser Absicht, so darf man annehmen. Brecht hatte ja gerade an "Mahagonny" seine Kritik an der kulinarischen Oper festgemacht. Und so entwirft die Berghaus nun die dekadente Paradiesstadt ein Stück weit auch süffisant aus dem Stoff, aus dem gemeinhin Operetten- und Musicalträume sind. So schön, daß mancher Opernbesucher dazu neigen könnte, über die herben antikapitalistischen Zynismen Brechts hinwegzuhören.

Dennoch läßt um die Inszenierung an den entscheidenden Stellen über die Wahrheit des Genusses nie im Zweifel: Die Tische, von denen die honorige Festgesellschaft speist, sind leer, genauso wie die Whiskyflaschen, die herumgereicht werden. Man führt die Gabel ohne Bissen zum Mund. Die Liebe ist nicht mehr als eine sekundenkurze Massenbefriedigung hinter, vorgehaltenem Tischtuch. Der ehrenvolle, faire Boxkampf findet gar nicht erst statt. Moses erschlägt Alaskawolfjoe ohne viel Aufhebens hinterrücks mit einer Hantel. Klar, daß Ruth Berghaus bei alldem auch ihre inzwischen wohlbekannten Chiffren ins Spiel bringt, die sich leitmotivisch durch ihre Regiearbeiten ziehen. Einmal mehr taucht der Stuhl als vielschichtig eingesetztes Objekt des Be-Sitzes auf. Das Lederränzchen, das die Mädchen von Mahagonny bei ihrer Ankunft auf dem Rücken tragen und gegen Ende als Zeichen des Aufbruchs wieder umschnüren, kennen wir bereits aus der Uraufführung der Schweinitz-Oper "Patmos". Oder die grauen Militärwolldecken: Ein ums andere Mal schlagen die Bewohner eine Art Feldlager auf und verkriechen sich unter ihnen, weil ihr Mahagonny bei allem Luxus doch verdammt unwirtlich zu sein scheint.

Überhaupt wird in Mahagonny viel geschlafen. Die ganze Stadt ist befallen von einer geheimnisvollen, großen Müdigkeit. Kaum sind neue Entschlüsse gefaßt, legt man sich bereits wieder zu einem Nickerchen nieder. Je näher der gefährliche Hurrikan kommt, desto träger werden die Menschen. Die drohende Weltkatastrophe verschlafen sie schließlich und rekeln ihre Glieder erst wieder behaglich, wenn der Hurrikan einen wundersamen Bogen um die Stadt gemacht hat. Selbsterkenntnis gehört offenbar nicht zu den Fähigkeiten dieser Untergangsgesellschaft. In der letzten Szene der Oper, wenn alle Illusionen ausgeträumt sind und Mahagonny im Chaos versinkt, wird aus dem Leichentuch Jim Mahoneys, der hingerichtet wurde, weil er nicht bezahlen konnte, ein Brautschleier für Jenny. An ihrer Seite ist Billy, der den ganzen Abend lang wie kein anderer seine Brieftasche gehütet hatte. Man formiert sich zu einer Hochzeitsprozession der Überlebenden. Mit spitzen Fingern halten die Bewohner von Mahagonny Brechts Weltuntergangsparolen hoch: "Für die Teuerung", "Für den Kampf aller gegen alle" ... Auf der Rückseite der Plakate jedoch blickt der unbekannte Abenteurer in die Ferne, als wolle Ruth Berghaus zeigen, daß die Glückssucher auch weiterhin unterwegs sind – nach Alaska oder nach Mahagonny.

Das Stuttgarter Premierenpublikum war nicht mehr zu halten nach dieser Inszenierung. Der Triumph hatte fast etwas Beängstigendes. So widerspruchslos und ungeteilt ist die Zustimmung für Ruth Berghaus bisher nur selten gewesen. Oben im Rang gab sich sogar Daimler-Benz-Chef Edzard Reuter begeistert – was bei einem Stück wie "Mahagonny" dann doch für einen kurzen Augenblick irritiert. Claus Spahn