Unter den Agenturdiensten, die in Deutschland die Massenmedien mit aktuellen Nachrichten versorgen, hat die Deutsche Presse-Agentur (dpa) unangefochten als Primäragentur eine Monopolstellung: Kein Medienunternehmen kann an ihr vorbei, wenn es darum geht, erst einmal die Grundversorgung mit aktuellem Nachrichtenmaterial zu sichern. Zu den Spielregeln eines auf Seriosität bedachten Journalismus gehört es indes, sich nach Möglichkeit nicht auf eine Quelle zu verlassen. Medienunternehmen, die ihre Publika umfassend informieren wollen, abonnieren deshalb mindestens eine weitere Agentur. Und weil es da mehrere Möglichkeiten gibt, tobt zwischen den Zweitagenturen ein heftiger Wettbewerb: Den Markt teilen sich der Deutsche Depeschen-Dienst und die vorerst noch von der Treuhand verwaltete ADN sowie die deutschen Dienste der ausländischen Agenturen Associated Press (AP), Reuter und Agence France Press (AFP).

Gemeinsam dürfte diesen Nachrichtenagenturen vor allem eines sein: Die meisten Zeitgenossen stolpern zwar beim täglichen Medienkonsum über deren Kürzel, ansonsten operieren sie jedoch fast noch mehr im dunkeln als der Pullacher Bundesnachrichtendienst. Noch nicht einmal die Publizistikwissenschaft hat bisher allzuviel Ehrgeiz darauf verwendet, Genaueres über die Arbeitsweisen von Nachrichtenagenturen in Erfahrung zu bringen. Allenfalls hat so mancher Forscher im hochideologischen Streit um die „Neue Weltinformationsordnung“ allzu willfährig Partei ergriffen: Die großen Weltagenturen wurden als Handlanger weltumspannender und imperialistischer Kapitalinteressen an den Pranger gestellt. Kaum einer dieser Wissenschaftler hat indes nach den Interessen derer gefragt, vor deren Karren sie sich haben spannen lassen – obschon darunter Diktatoren waren, die das elementare Grundrecht auf Meinungs- und Pressefreiheit in ihrem eigenen Einflußbereich mit Füßen traten.

Gemessen an derlei Wissenschaftsproduktion, besticht die vorliegende Studie durch unprätentiöse Nüchternheit. Sie ist aus der Diplomarbeit Bernhard Rosenbergers hervorgegangen, die Jürgen Wilke betreut hat. Das bisher einzige einschlägige Standardwerk, Hansjoachim Höhnes „Report über Nachrichten-Agenturen“ (Baden-Baden 1984), vermag der Band zwar nicht zu ersetzen, wohl aber mit wertvollen, aktualisierten Informationen über dpa und AP zu ergänzen.

Als teilnehmender Beobachter konnte Rosenberger insbesondere in das Innenleben von AP Einblick gewinnen. Unter den Agenturen der Bundesrepublik nimmt sie Platz zwei ein – sowohl was den Umfang der Berichterstattung als auch den Marktanteil anlangt. Siebzig Redakteure arbeiten rund um die Uhr im Schichtdienst in der Frankfurter Zentrale und in den Außenbüros für den deutschen Ableger der weltweit größten Nachrichtenagentur.

Was die Autoren über das Selbstverständnis der Agentur-Journalisten, die Kriterien der Nachrichtenauswahl, die Produktionsroutinen und die redaktionelle Organisation sowie über die eher dürftige „Erfolgskontrolle“ im Agenturjournalismus herausgefunden haben, ist zwar wenig spektakulär, aber gleichwohl lesenswert.

Wer sich Gedanken über die Qualität der Informationen macht, die Nachrichtenagenturen den Redaktionen liefern, den wird insbesondere interessieren, wie selektiv eine Zweitagentur wie AP ihre begrenzten Ressourcen einsetzt: Jede fünfte Meldung, die AP in der Bundesrepublik Deutschland verbreitet, hat Unglücke, Katastrophen, Kurioses, Gesellschaftsklatsch und Ähnliches zum Gegenstand. Bunte Meldungen rangieren sogar vor Meldungen über (rein) wirtschaftliche und soziale Themen. ...Meldungen über Wissenschaft und Technik, Kirche und Religion sowie über Sport sind im Deutschen Dienst von AP so gut wie überhaupt nicht vorhanden. Auch kulturelle Themen werden kaum angeboten.“ Daß die Soft News so in den Vordergrund gerückt sind, hat freilich mehr mit dem Diktat des Marktes als mit den persönlichen Vorlieben der Redakteure zu tun. Es sind die Kunden, sprich: die Medienbetriebe, die in der Konkurrenz um Leser und Einschaltquoten immer mehr Infotainment betreiben und deshalb von den Agenturen auch mehr bunte Meldungen haben wollen.

Stephan Ruß-Mohl