Schlußszene aus „Mahagonny“ von Bertolt Brecht und Kurt Weill: Während noch für „die ungerechte Verteilung der irdischen Güter“ und „die gerechte Verteilung der überirdischen Güter“ demonstriert wird, erkennt das Protagonisten-Trio, die sündige Stadt Mahagonny existiere „nur, weil alles so schlecht ist, weil keine Ruhe herrscht und keine Eintracht und weil es nichts gibt, woran man sich halten kann“. Die Hirten der katholischen Kirche, stets darauf bedacht, daß das einfache, Herdenvolk etwas besitzt, woran es sich halten kann, rammten in diesen Tagen vier wichtige Pflöcke in den Boden des irdischen Jammertals und hefteten daran Entscheidungen par ordre de mufti, die kund und zu glauben tun, wo es längsgeht in Richtung ewige Seligkeit.

Zum ersten: Die „Unterhosen“, die den ursprünglich nackten Figuren auf Michelangelos „Jüngstem Gericht“ in der Sixtinischen Kapelle des Vatikans im Laufe mehrerer Jahrhunderte „angezogen“ worden waren, um ihre Blößen zu verdecken, werden wieder entfernt. Freilich nicht alle Übermalungen: Die „hauchdünnen“ Schleier, Tücher und Brustbänder, die Michelangelos Schüler Daniele da Volterra schon 1555 auf Befehl des Trienter Konzils hatte anfertigen müssen, „lassen sich nicht beseitigen“. Merke: Natur ist gut; aber Züchtigkeit ist noch besser.

Zum zweiten: Der Vatikan wird in Zukunft Angestellte, die in den (ja doch heiligen) Stand der Ehe treten wollen, nicht mehr entlassen – ausgerechnet eine Stefania aus der Familie der Graziosi („die Anmutigen“), eine Bank-Angestellte, hatte gegen die ausgesprochene Kündigung geklagt und sogar recht bekommen. Merke: „Offiziell“ brauchen Gärtner, Postgehilfen, Museumswärter oder Kantinenköche sich nicht zum Zölibat zu verpflichten; erst bei den Hellebardieren der Schweizergarde und über die Praxis des 1934 heiliggesprochenen Don Bosco, der sich vor lauter Keuschheit nur von seiner Mutter bedienen ließ, können wir ja noch einmal reden.

Zum dritten: Die Ehe der Prinzessin Caroline von Monaco mit dem Franzosen Philippe Junot war ein matrimonium invalidum, also ungültig – so jedenfalls hat die Rota, das oberste Kirchengericht des Vatikans, in erster Instanz entschieden. Monsieur Junot, so konnte die Prinzessin behaupten, und „ihr Zeugnis ist wahr, und sie weiß, daß ihr Zeugnis wahr ist, damit auch ihr glaubt“ (Joh. 19,35), habe sie nur „aus sexuellen Gründen“ geheiratet. Das aber erfüllt den Artikel 1101 Paragraph 2 des Codex Juris Canonici (CIC): Wenn „ein oder beide Teile“ durch „positiven Willensakt“ ein „wesentliches Element“ der Ehe ausschließen, ist die Eheschließung ungültig. Merke: Auch weiterhin ist die Ehe „unauflöslich“. Aber wenn Sie zufällig Prinzessin sein sollten und ihren Kindern aus zweiter Ehe die Thronfolge winkt, weil Ihr älterer Bruder keine Kinder hat, müßte es schon mit dem Papst zugehen, wenn Ihnen nicht einfiele, welches wesentliche Element fehlte, als Sie das erste Mal heirateten.

Zum vierten: Da schreibt der Theologe Eugen Drewermann seinem Bischof, er wolle ein „priesterlicher Mensch sein, ein Dichter, ein freier Schriftsteller, ein Narr, ein Träumer“, und dazu brauche er kein Amt – der Bischof reagiert „wie gewünscht“ und entzieht seinem Kirchenlehrer ein Recht nach dem anderen, schließlich auch den „Auftrag“ jeder priesterlichen Tätigkeit. Den gibt es zwar im strengen Kirchenrecht nicht, aber das Decretum klingt gut, fast offiziell, wie: „kein Priester mehr“. Freilich: Durch die „Weihe“ erhält die Person einen character indelebilis, ein nicht mehr zu veränderndes So-Sein; gemäß Artikel 290 Satz 2 CIC dürfen, als „rechtmäßig auferlegte Strafe“, ein „Status“ und damit die entsprechenden Rechte aberkannt werden – von einem rechtmäßigen Verfahren aber kann bislang keine Rede sein. Merke: Auch Narren und Träumer auf den verschiedensten Seiten sind die Gefangenen ihres Systems.

Dagegen, daß die irdischen Güter ungerecht verteilt sind (und werden), kann auch die kirchliche Hierarchie keine durchgreifenden Methoden entwickeln – ihr Amt in dieser Richtung direkter und wahrnehmbarer ausüben könnte sie schon. Für die gerechte Verteilung der überirdischen indes, sofern wir denn derart Transzendentales für wahr halten, wollen wir getrost den Chef und nicht seine(n) Stellvertreter sorgen lassen. Heinz Josef Herbort